In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten.
An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen. Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte, wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema anzuschneiden.
Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten, die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den Begleiter zur Eile.
„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix, naß bin ich bereits!“ erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend.
Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank, die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend hinterdrein.
Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte, verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen, kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen.
Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen Graupeln auf das Schindeldach, dann vollführten erbsgroße Schloßen einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken ins Maßlose steigerte.
Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab.
Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können.
Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten. Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob.