Der älteste Sohn des Meisters, Arnold von Siemens, ist jetzt der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Firma Siemens & Halske. Er wurde als Vertreter der Familie ins Herrenhaus berufen und ist mit einer Tochter des großen Hermann von Helmholtz verheiratet. Der zweite Sohn, Geheimer Regierungsrat Dr.-Ing. h. c. Wilhelm von Siemens, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Siemens-Schuckert-Werke, läßt insbesondere die Führung der Geschäfte im Rahmen der großen Siemensschen Tradition seine Aufgabe sein. Ihm persönlich ist vielfach der Anstoß zu weiteren großen Leistungen zu verdanken, die das Haus nach des Meisters Tod vollbracht hat.

So ist der Siemenssche Schnelltelegraph, der geschwindeste Fernbote, den wir in der Praxis besitzen, als seine Schöpfung anzusehen. Die Ausgestaltung der Metallfadenglühlampe wurde durch seine Anregung von der Firma in besonderer Weise gefördert.

Nachdem in Budapest von der Firma Siemens & Halske die erste Untergrundbahn auf dem europäischen Festland gebaut worden war, hat Wilhelm von Siemens mit größter Energie und Ausdauer die Idee des Baus von Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin betrieben. Im Jahre 1896 wurde denn auch die Werner Siemenssche Idee der Schaffung von elektrischen Schnellbahnen für Berlin wieder aufgenommen, und der erste Spatenstich für die Hoch- und Untergrundbahnlinien getan. Das Schnellbahnnetz von Berlin, das sich bis jetzt im Betrieb befindet — 1902 wurde die erste Linie eröffnet — ist eine hervorragende Schöpfung der Firma Siemens & Halske, die besonders auf dem Gebiet des Tunnelbaus mit Grundwasserabsenkung Bahnbrechendes geleistet hat.

Die Fabriken in Siemensstadt
(Nach einem Gemälde von Obronski)

Seit einigen Jahren sind die Hauptfabriken des Konzerns zu einem imponierenden Ganzen in einem Berliner Außenbezirk zusammengeschlossen. Er trägt den Namen Siemensstadt und ist eine Industriestätte von hervorragender Bedeutung. Es befinden sich dort das gewaltige Wernerwerk, in dem alle erdenklichen Schwachstromapparate in höchster Vollendung erzeugt werden, das Blockwerk, das der Herstellung der Eisenbahnsicherungsanlagen dient, das Dynamowerk, Elektromotorenwerk, Autowerk und das Kleinbauwerk, das die zierlichen Zubehörteile elektrischer Anlagen sowie Handapparate in ungeheurer Zahl fertigstellt. In geringer Entfernung von Siemensstadt, in Gartenfelde, ist das Kabelwerk angesiedelt. In Berlin-Lichtenberg befindet sich die Fabrik für Bogenlampenkohlen, welche die Firma Gebrüder Siemens & Co. führt. Hier wird auch noch der von Werner Siemens erfundene Alkoholmeßapparat hergestellt. In der Franklinstraße produziert das Charlottenburger Werk weitere Schaltanlagen und eine große Anzahl von Starkstrom-Apparatteilen. Dicht daneben liegt das Glühlampenwerk. Große Fabriken unterhält die Firma ferner in Nürnberg und Wien.


Lebenserinnerungen. Weltruhm

Dreiundsiebzig Jahre war Werner Siemens alt, als er die Zügel der Regierung in dem von ihm selbst geschaffenen großen industriellen Reich aus der Hand legte. Aber er tat es auch dann noch nicht, um fortab der Ruhe zu pflegen, sondern dieser nimmermüde Geist hatte sich noch ein neues bedeutendes Ziel gesteckt.

Das Werk, das er vollbracht, stand deutlich erkennbar vor aller Augen. Nun wollte er auch das Leben darstellen, aus dem dieses Werk hervorsprießen konnte, emporwachsen mußte. Er ging an die Niederschrift seiner »Lebenserinnerungen«, die er bis kurze Zeit vor seinem Tod fortsetzte. Mit diesem Buch hat Werner Siemens sich und der deutschen Technik ein bleibendes Denkmal errichtet. Während wir sonst die einzelnen Teile seines wissenschaftlichen und technischen Schaffens nur nebeneinander aufgestellt, wie in einem Lager nach bloß praktischen Gesichtspunkten aufgereiht sehen würden, erblicken wir sie nun in künstlerischer Anordnung zu einem Museum vereint, sinnvoll zu einem übersichtlichen Ganzen verbunden. Wir vermögen zu erkennen, wie ein Gedanke dem andern die Hand reicht, wie die jüngere Schöpfung sich auf die ältere stützt, »wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem anderen wirkt und lebt«. Ein Lebenswerk steht geschlossen, als etwas Vollkommenes vor uns.