Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel, Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er 11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er 1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300 Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts verdächtigt wurde.
Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt, sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.
Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse
August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland
brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v.
Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach
Wien, um ihm Preßdienste zu leisten.
Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege, aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen, wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei, zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal.
Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein — die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle sein Haus bestellt.
Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen, hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil, weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte, was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten, einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem Schlachtfelde.
„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin hinein.“
Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen einen heillosen Schrecken ein.
In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste, obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied gedichtet hatte:
Wir färben rot, wir färben gut,
Wir färben mit Tyrannenblut!