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„Leipzig, den 11. Mai 1865.

Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.

Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage, auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen, muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu wenden.

Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.

Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde, weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind. Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit (vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.

Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung einfach nicht wolle.

So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte tun möchten.

Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.

Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.