„Ich verstehe darunter“, sagt er, „eine Gesellschaft, deren Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt, liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an, daß z. B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt 300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen, der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen, in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu einem Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach Reichthum und Genüssen.“
„Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit; und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit, um diese Güter entsprechend zu benutzen“, so definirt er an einer andern Stelle das Streben der Menschen.
„Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation gebe ich drei Namen: „progressive Serien“ (Reihen) oder Serien „von Gruppen“, „Serien der Triebe“. Ich verstehe unter der Bezeichnung Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie — das Wort „Industrie“ bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche Bethätigung — „oder ein und desselben Triebes sich widmen.“
„Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im Sinne von Leidenschaften, passions, zu verstehen. Anmerk. des Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.“[6]
Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, ohne etwas daran zu ändern.“
„Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern, so z. B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so ändert sich nur der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald sie sehen, daß z. B. die Kinder, die heute nur schreien und sich zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft; daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist; daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart; wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu errichten.“
Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen Wissenschaft gekommen sei. „Das Erste, was ich entdeckte, war die Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe man habe und schloß, daß, wenn Gott so viel Einfluß der Anziehung der Triebe gegeben und so wenig Einfluß der Vernunft, ihrem Feinde, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber sicher, daß er sie dazu nicht gab. Will man die Vernunft der Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; die Vernunft hat nie Bedeutung, sobald es sich darum handelt, unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen die Leidenschaften vermag.“
„Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit die Attraktion um so mehr zu befriedigen.“ Gott hat also die Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu verleihen.
„Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle und geistige Welt gebe. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So kam ich zu der neuen Wissenschaft: der Analogie der vier Bewegungen, der materiellen, organischen, thierischen und sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.“[7]
Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben glaubte, war ihm Alles klar; er begann „im Zauberbuch der Natur zu lesen“. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung der Bestimmungen, d. h. er kannte nunmehr das fundamentale System, durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der Selbsterkenntniß ausgerufen: „O! welch' dicke Finsterniß verschleiert noch die Natur!“ Die Bibliotheken der Philosophen sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die Griechen im Zeitalter des Solon (639–559 vor unserer Zeitrechnung) begründen können, da ihr „Luxus“ — Fourier versteht hierunter die gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters — schon genügend weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser „Luxus“ mindestens doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden. Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung, daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse, verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte; da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den „unbekannten Gott“; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung. Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an einen Gott. „Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum Studium der Natur zeigt.“