„Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil der Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen, freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere Kraft und Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und vermehren.“
„Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und mangelhaft geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Hütten, Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch die Belehrung, noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nöthig haben, um sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im sozietären Zustand wird die Sterblichkeit sich außerordentlich vermindern, die Kinder werden an körperlicher und geistiger Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende Uebervölkerung wird die sozietäre Organisation auszugleichen wissen.“
Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in einem falschen Kreisschluß (cercle vicieux) und das erkennt man allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß in der Zivilisation die Armuth selbst den Ueberfluß erzeugt. Unser Zustand bringt nicht das Glück, sondern das Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie führen zu den größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine Gießerei.[14] Bei dem Anblick ihrer Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er, noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und macht so erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art, aber wie ermöglichen, daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die Zivilisation unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptsächlich auch für die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lösen gilt, ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien industrieller Thätigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es übt abwechselnd alle physischen und intellektuellen Fähigkeiten, Alles mit Eifer ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, weil die Eltern arm waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich selbst bei der wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter kaum einer, der die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die Anlagen zum Aufbruch zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend widerwärtig erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung steht, wie Alles, außerhalb der Natur, außerhalb der Anziehung. Es ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die Nebel immer größer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht falscher als früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und natürliche, d. h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der Landmann selbst ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war. Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine natürlichen Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren hat sich die Zahl der Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß die Beschäftigung für sie sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Maße gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.“[15] „Zu allen Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen — Bande der Zuneigung —; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen Einheitlichkeit.“
„Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich die Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wünschen uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, Verfeinerung und Stärke der Sinne, und äußeren Luxus oder Reichthum. Man muß diese beiden Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu erreichen. Wir müssen also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch. Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des Ehrgeizes, als höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen der Sinne und der Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fünf sinnlichen Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehör) mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9. Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach Vervollkommnung.“
„Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z. B. Liebe, Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht zu schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden sich alle Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle die Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht organisiren, harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden Mechanismus der Triebe zu schaffen, ohne einen zu unterdrücken. Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persönliches Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse beständig dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu täuschen, sie ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe muß sein, zur inneren und äußeren Harmonie zu kommen.“
„Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie, Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ... Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind durch Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit, wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45–50 Serien nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte, der Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen, sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien als Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten ausfallen läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der Töne erzeugen den Akkord. Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat für die soziale Harmonie glänzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit, Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit. Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften: Entkräftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit. Aber die Serie der Triebe würde nicht richtig funktioniren, wenn sie nicht drei Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen müssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung gerathen; das ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise verschiedene, also z. B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner müssen die einzelnen Sitzungen kurz sein, sie dürfen sich nicht über zwei Stunden ausdehnen, weil sonst die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit anziehend sein, so muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu einer andern kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist vollkommen, wenn sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich wieder in Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. Vierundzwanzig Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.“
„Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie ziehen immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl, auf zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe ist falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten Tagen fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprünglichste ihrer Gruppen harmonisiren können, dann können sie dies noch weniger mit dem Ganzen. Der Mensch ist aus Instinkt Feind des Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung beständig nach Veränderung.“
Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und sich auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren — er soll mit großer Vorliebe bis an sein Lebensende den militärischen Uebungen und Paraden beigewohnt haben —, giebt er seiner phalansteren Hierarchie einen militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen werden Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in der Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das Geschlecht erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptsächlich Frauen, so werden die Offiziersstellen hauptsächlich Frauen bekleiden. Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder der Serien und Gruppen wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht, daß die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an äußeren Auszeichnungen, an schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer Kleidung, an Uniformen, glänzenden Schaustellungen und Festen, opulenten Einrichtungen, prächtigen Denkmälern und Bauten ihre Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das Höchste bieten.
Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und die Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, die für den Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen, Aufzügen, Schaustellungen und für die Ausschmückung sorgen. Auch in letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird für die zuletzt erwähnten Funktionen hauptsächlich solche Personen zu Offizieren erwählen, die größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx das Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in der Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung, werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen anzuwenden. Sie werden also öfter für ihre Serien- und Gruppengenossen besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises über die regelmäßige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag für Tag von der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden sie den Bau prächtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen, Altären und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen, beschäftigt ist, auf ihre Kosten betreiben.