„In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen, in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den Aelteren, Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung fördert. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, es Seinesgleichen zuvor zu thun.“
„Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen, die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten; passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird; Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist, der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.“
Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen Gebieten finden.
„In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen: Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der, welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.“
„In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern verlangen, und so bilden sie sich weiter.“
„Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern, wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.“
Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung. Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins und Seraphins, das Alter von 4½–9 Jahren, und die dritte Phase der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im Alter von 9–15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen. Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse Neigung haben. Diese nennt er die „kleinen Horden“. Umgekehrt sind zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die „kleinen Banden“. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus den 4 Stämmen im Alter von 4½–15½ Jahren zusammen. „Die kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.“
„Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit, für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.“ (Fourier will hiermit sagen, daß, ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten, die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)
Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf Zwergpferden.
Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung tragen sie den Titel „Verbindung für Verbesserungen“.