„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“
Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.
Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen.
„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr verdorbene als gute Ehemänner.“
„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“
„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“
„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.“
„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der Jagd.“
„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.“ ...
„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu begründen.“