„Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu erregen?“
„In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.“
Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte, sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u. s. w. zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u. s. w. Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in kurzer Zeit — Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus, die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen — die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als „göttliche Bestimmung“, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen. Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen, daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U. s. w.
Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. „Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen Klassen zu ermöglichen.“
Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven gehabt.
„Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer, aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich, ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ... Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf 10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet: man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei Milliarden.“
„Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet, daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien. Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.“
Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife erzeugten.
In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen.