Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung, Literatur, Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer inniger zu verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein, wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes- noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum Menschen macht.


Skizze eines Phalanx-Gebäudes (Phlanstère)

Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist, so ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer Phalanx, d. h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln und zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige Architektur ist immer nur das äußere Abbild der sozialen Verhältnisse, und ein Kenner wird immer an der Architektur auf die Gesellschaftsform einer Zeitepoche schließen können. — Die Gemeinwirthschaft, in welcher Form immer, bedingt natürlich auch ganz andere Gebäulichkeiten, als die Privatwirthschaft. — Das Zentrum soll diejenigen Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen mehrmals des Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale, Bureaux, Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, welche nach links und rechts abbiegen und an der Hauptstraße liegen, würden die verschiedenen Werkstätten, die geräuschvollsten am äußersten Ende, enthalten. Die Wohnräume würden die oberen Stockwerke des Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. — Gegenüber der Phalanx, dem Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, kämen die Oekonomie- und Maschinengebäude, Ställe etc., welche man hier nicht sieht, zu liegen. — Das Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang vom äußersten linken zum äußersten rechten Flügelende gemessen. Um eine allzugroße Ausdehnung zu vermeiden, ist die Reihe der Gebäude doppelt und parallel laufend mit dazwischen liegenden Hofgärten. — Eine breite, gedeckte Galerie verbindet im Innern, gegen die Hofseite hin, alle Theile des Gebäudes und fungirt als Hauptarterie der Zirkulation.


Anmerkungen

[[1]] Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von Macedonien in seinem Heere eingeführten Schlachtordnung; die Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit Speeren bewaffneter Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name für sein System ist also von Fourier nicht übel gewählt.
[[2]] Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke „Ueber die Natur“ (De la nature) Ausdruck giebt: „Alles in der Natur steht miteinander in Verbindung“, und ebenso spricht R. einen Gedanken aus, den Fourier ähnlich wiederholt: „Daß die Natur mit möglichst sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.“ Holbach sagt im Systeme de la nature: „In der ganzen Schöpfung herrscht Wesenseinheit.“ Die Ideenassoziation ist augenfällig.
[[3]] Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: „Karl Fourier, ein Vielverkannter“ (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung 1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz einen häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte Ausdruck ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie alle Triebe gut sind und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstößig sein darf, als die nach unserer landläufigen Auffassung von Fourier gebrauchten Ausdrücke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch in der bürgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz löbliche Eigenschaft, der nur unangenehm und schädlich wird, wenn er auf Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen genügend Erwähnung zu thun. Ein solches Zugünstigfärben erklärt sich aus dem Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren Angriffe eines Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier — und Dühring und Most offenbar, ohne sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu haben — einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber schon jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben scheint, daß er Fourier als Vater des Anarchismus anzusehen hat — das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt. Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d. h. der Erdball mit Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, also produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier trotzdem nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in seinem Wesen unberührt läßt.
[[4]] Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.
[[5]] „Unter den Philosophen begreife ich“, sagt Fourier an einer Stelle, „nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften (sciences incertaines), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten Wissenschaften (sciences fixes).“ Fourier ging von der Ansicht aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen sei.
[[6]] Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine Verehrer, die den „Naturzustand“ als den glücklichsten, tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen zum Vorschein kamen. Der Verfasser.
[[7]] Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.
[[8]] Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch Napoleon I. 1806.
[[9]] Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele Jahrhunderte zusammengenommen.
[[10]] Anspielung auf die Zustände in der französischen Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen Schreckens.
[[11]] In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis 1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur die Wahl der Reichsten ermöglichte.
[[12]] Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.
[[13]] Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (vol exterieur). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des „auswärtigen Raubs“ einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme Zivilisirte, andererseits weit mehr Solidaritätsgefühl, als die Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen, brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.
[[14]] Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und führt die Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.
[[15]] Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute, sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.
[[16]] Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt Fourier Sitzung (séance).
[[17]] Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes Muster sein, indeß man muß stets beachten, wann das Gesagte geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil, das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.
[[18]] Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten besseren Familien, wo das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener Töchter zu entledigen. Der Verfasser.
[[19]] Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von 1721–1742 Kanzler der Schatzkammer.
[[20]] Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.
[[21]] Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften — die damals erst im Entstehen waren — oder, wie dies heute noch in manchen Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z. B. in der Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und Bodenwucherer etc., kurz Alle, „welche ohne zu säen ernten“.
[[22]] Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und Licht der Bevölkerung schmälere.
[[23]] Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl. sächsische „Leipz. Zeitung“ es offen aus, daß man heut zu Tage im Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete und feiert Dankfeste.
[[24]] Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel begeht und es dem sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile ablegen müssen. Der Verfasser.
[[25]] Die Titel dieser Schriften sind: „Der Sozialismus in seiner Anwendung auf Kredit und Handel“ von Franz Coignet, Zürich 1851; „Bank- und Handelsreform“ von F. Coignet, aus dem Französischen von Karl Bürkli, Zürich 1855; „Solidarität“, kurzgefaßte Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; „Kritische Darstellung der Sozialtheorie Fourier's“ von A. L. Churoa, Braunschweig 1840; „Organisation der Arbeit“ von Franz Stromeyer, Bellevue bei Konstanz 1844; „Abbruch und Neubau“ oder „Jetztzeit und Zukunft“ von Michael *****, Stuttgart 1846.