Die auf diese Weise möglich und nötig gewordenen Zusätze und Veränderungen haben auf Plan und Einrichtung des Wörterbuchs keinen Einfluss geübt; höchstens den, dass ich, um den Band die zu einer bequemen Handhabung unumgängliche Grenze des Umfanges nicht überschreiten zu lassen, auf Raumersparnis bedacht sein musste. Hierzu ward ich auch durch eine anderweitige Vermehrung der Artikel genötigt. Um die Brauchbarkeit des Buches zu steigern, habe ich nämlich häufiger, als der Verfasser, Nebenformen eines Wortes als eigene Artikel, mit Verweisung auf die Hauptform, angesetzt. So suchte ich mir denn Platz zu schaffen dadurch, dass ich Zusammensetzungen desselben Bestimmungswortes entweder zu einem Artikel (diesem ersten Compositionsgliede) oder (mit Berücksichtigung der Grundwörter) zu wenigen Artikeln vereinigte, wo nur der bequemen Auffindbarkeit der Wörter kein Eintrag zu geschehen schien, und dass ich manche bloss im speciellen Niederländischen gangbare, dem eigentlichen Niederdeutschen aber fremde Ausdrücke, welchen Lübben Aufnahme gegönnt hatte, ausschied.
Abweichend vom Grossen Wörterbuche, hat der Verfasser Zusammensetzung eines Wortes durch einen Bindestrich zwischen den Bestandteilen angedeutet, dies jedoch nicht auf die suffixartigen Compositionsglieder dôm, heit, schap, bar, haftich, lîk, sam etc. ausgedehnt und es gleichfalls unterlassen, wenn die Teile durch Contraction oder Assimilation enger verwachsen sind. Bei den Präfixen ist er nicht einheitlich verfahren. Während er die unbetonten (be, ent, er, ge) mit Bindestrich versieht, hat er bei anderen, wie es scheint, diesen nur setzen wollen, wenn sie den Ton haben und in Verbalcompositionen vom Grundworte trennbar sind. Ich habe diese Weise durchzuführen versucht, bin aber nicht selten über die Richtigkeit meiner Entscheidung unsicher geblieben, teils weil dies Gebiet der Grammatik überhaupt noch sehr der Untersuchung bedarf, teils weil sich nicht immer beweisende Textstellen auffinden liessen. Auch wird ein Unterschied nach der Zeit zu machen sein: in der älteren ist die Bindung lockerer, der jüngeren dient losere und festere Verbindung zur Entwickelung verschiedener Bedeutungen. Bei einigen Verbalzusammensetzungen, z. B. mit over und under, galt wohl, wie zum Teil noch heutzutage, Trenn- und Untrennbarkeit ohne Begriffsunterscheidung neben einander.
Die Ordnung der Artikel ist alphabetisch, jedoch mit der Einschränkung, dass die Wörter, welche mit F anlauten, unter V, die mit C und Tz (hd. Z) unter S gebracht sind. Bei in- und auslautendem f ist der Verfasser nicht consequent verfahren, weshalb ich mich berechtigt erachtet habe, hier zur Bequemlichkeit des Publicums für die zweite Hälfte des Werkes die alphabetische Trennung von f und v durchzuführen. Doppelconsonanz im Auslaut hat der Verfasser, der bessern Orthographie des Mittelalters folgend, nicht angewendet, allein bei k, wegen der Schreibung ck, häufig davon eine Ausnahme gemacht, so dass man die Wörter bald unter –ck, bald unter –k zu suchen hat. Ich habe nach Analogie der übrigen Consonanten die Vereinfachung zu k festgehalten und danach die in Betracht kommenden Wörter alphabetisch eingeordnet. Für die Schreibung der auf Medien oder Spiranten ausgehenden Wörter sind, wie schon im Grossen Wörterbuche, die aus der mittelniederdeutschen Grammatik bekannten Auslautsregeln beobachtet worden. Für sc oder sk ist, ausser wo diese Consonantenverbindung in- oder auslautend durch Contraction entstanden war, stets sch gesetzt worden. Richtiger wäre vielleicht gewesen, wenigstens auch mit anlautendem scr eine Ausnahme zu machen. Die Scheidung von g und gh ist gleichfalls nicht versucht worden. Im Inlaut sie zu machen, wäre zur Unterscheidung verschieden lautender Wörter eigentlich notwendig gewesen. Von den Vocalen sind die beiden ô (got. au und o) und die beiden ê, resp. ei (as. ê und io) nicht getrennt, sondern orthographisch gleich behandelt worden.
Bei der Ansetzung der Artikel ist durchweg die allgemein-niederdeutsche Sprachform, wie die Sprache der Hansen oder Osterlinge sie vom dreizehnten bis sechszehnten Jahrhunderte bot, bevorzugt worden. Stand die Wahl zwischen mehreren Formen frei, so ward die am längsten herrschende und am weitesten verbreitete und möglichst eine aus der mittleren Zeit vorangestellt. Dialektische Formen hat der Verfasser meist beigefügt, sind von mir jedoch oft wegen Raumersparung im Hauptartikel ausgelassen worden, wenn ihnen aus dem oben angegebenen Grunde ein eigener Platz in der alphabetischen Reihenfolge zuteil ward. Solche mundartliche Abweichungen, deren Kenntnis aus der mndd. Lautlehre vorausgesetzt werden konnte, wie z. B. wenn û statt ô (mhd. uo), î statt ê (mhd. ie) und a statt o in offener Silbe steht, sind nicht immer verzeichnet worden. Seltenere Nebenformen sind hinter die gewöhnlicheren Formen und in Klammer gesetzt. Steht aber die erste Form eines Artikels in Klammer, so ist diese als gemein-niederdeutsch anzusetzen, nur nicht zu belegen.
In der Bezeichnung der Vokallänge ist Lübben im grossen Wörterbuche dem Vorschlage von Jacob Grimm, Grammatik I3, 252, gefolgt, sich derselben nur in geschlossenen Silben und vor Consonantverbindung in offenen Silben zu bedienen. Im Handwörterbuche ist er für e von dieser Regel abgewichen und hat jedes lange e, auch in offener Silbe, mit Circumflex oder Dach versehen. Darin hat er recht gethan. Es ist zu bedauern, dass er nicht weiter gegangen und dasselbe Verfahren ebenfalls bei den übrigen Vocalen oder mindestens bei a und o angewandt hat. Denn die kurzen und langen Vocale sind im Niederdeutschen, wie noch im modernen, so schon im mittelalterlichen nicht bloss quantitativ, sondern auch qualitativ verschieden. Ich habe ein paar Male auch in offener Silbe die langen Vocale a und o mit Circumflex versehen, um zwei gleichgeschriebene Wörter zu unterscheiden. Und ebenso habe ich bisweilen die Tonlängung in geschlossener Silbe durch ā, ē, ō angedeutet. Zuweilen bin ich unsicher gewesen, ob ich e, ē oder ê ansetzen sollte, und nicht immer mag ich das Richtige getroffen haben. Die Endung el in Fremdwörtern, wie padderel, tassel, fardel etc., habe ich nach des Verfassers Vorgang (s. z. B. kordêl) êl geschrieben, doch ist mir nachträglich wahrscheinlicher geworden, dass man ēl zu schreiben und zu sprechen hat. Ebenso habe ich nach seinem Beispiele die fremdländischen Endungen ie (z. B. olie, passie, familie, vitalie) und îe (z. B. ogelie, paperie, faselerie) nicht geschieden.
Der Verfasser war, wie er mehrfach kundgegeben hat, davon überzeugt, dass die mittelniederdeutsche Sprache keinen Umlaut gekannt habe, mit Ausnahme des von a und â, wo die Schreibung e freilich keinen Zweifel zulässt. Demgemäss ist er sowohl im Grossen, wie im Hand-Wörterbuch verfahren. Schiller war, wie wir durch K. Schröder's Mitteilung in der Germania 19, 120 wissen, entgegengesetzter Ansicht. Obwohl ich gleich Schiller und Schröder der Meinung bin, dass bereits im Mittelniederdeutschen der Umlaut auch andere Vocale ausser a ergriffen hat, so durfte ich doch einmal bei Herausgabe von Lübben's Arbeit diese Meinung nicht zur Geltung kommen lassen, und andererseits liegt die Frage noch gar nicht so spruchreif, dass man für jeden einzelnen Fall sicher den Umlaut zu behaupten oder zu leugnen vermöchte. Ist doch seit nicht gar langer Zeit überall erst die Untersuchung über den Umlaut und andere Fragen der mndd. Lautlehre möglich geworden. Früher hinderte der Mangel an Ausgaben der Sprachquellen, besonders an genauen, gewissenhaften. Es ist das Verdienst von Juristen und Historikern, wie Homeyer, Wehrmann u. a., zuerst die Notwendigkeit getreuer Wiedergabe der handschriftlichen Vorlagen erkannt zu haben. Ihnen sind jüngere Editoren, wie z. B. Hänselmann, Koppmann und überhaupt die Waitz'ische historische Schule gefolgt, so dass in ihren Publicationen jetzt schon ein umfangreiches Material für das Studium der Sprache vorliegt. Auf der Thätigkeit der Philologen ruhte dagegen lange wie ein die Entwickelung hemmender Meltau eine aus unzulänglicher Kenntnis des Mittelniederdeutschen abgezogene Normalorthographie und eine Geringschätzung der Weise, in welcher das Mittelalter selbst meinte am füglichsten die Laute des Niederdeutschen darstellen zu können. Das scheint anders werden zu wollen: es mehren sich die lauteren Textausgaben von guten Handschriften und alten Drucken auch aus der schönwissenschaftlichen Litteratur. Meines Bedünkens kann auf diesem Wege fürs erste nicht leicht zu viel geschehen, selbst wenn der ästhetische Wert oder der geistige Gehalt der Dichtungen nur gering sein sollte. Die Folge würde sein, dass die Erforschung der Lautlehre und Grammatik neuen Aufschwung nehmen kann. Man wird sich betreffs jener die Frage vorlegen müssen, ob wir mit Recht ferner die Consonantzeichen f, gh, y, sc, ssch, z, tz und die Vokalbezeichnungen ø und u̸ (NB. nicht a̸, denn dafür hatte man ein e), ij oder y, die Haken oben oder unter den Vocalen, die Stapelung von Vocalen über einander oder ihre Gesellung auf der Linie neben einander einfach ignorieren dürfen, als wären sie bedeutungslose Variationen oder Schnörkeleien müssiger Kalligraphen, und ob wir nicht vielmehr darin den Ausdruck von Lautschattierungen zu erblicken haben. Mit Hülfe der besseren Handschriften wird man die Bedeutung und die Regel dieser mittelalterlichen Orthographie wohl entdecken können. Dann wird es an der Zeit sein, an die Stelle der hergebrachten, zwar bequemen, aber die Sprache mangelhaft und teilweise unrichtig darstellenden Normalschreibung eine neue zu setzen, welche möglichst der mittelalterlichen Schreibweise anzunähern wäre, so dass man z. B. etwa auf den Circumflex, ausser in grammatischen Untersuchungen, Verzicht leisten dürfte.
Dass die Texte, wie bisher nach der alten, so nach einer solchen lautgemässeren Orthographie ohne Rücksicht auf zeitliche und örtliche und individuelle Dialekteigentümlichkeit dann zurecht gestutzt und uniformiert würden, ist nicht zu wünschen und auch wohl nicht zu erwarten. Hingegen ein Wörterbuch kann ohne solche geregelte Orthographie nicht fertig werden; ohne die jetzt geltende wären auch das Mittelniederdeutsche Wörterbuch und das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch wahrscheinlich nicht zu Stande gekommen. Daher war mir auch vorgeschrieben, das letztere Werk in der vom Verfasser eingeschlagenen Bahn zu Ende zu führen. Trotz aller angewandten Mühe mag jedoch die Arbeit hie und da Consequenz und Gleichmässigkeit vermissen lassen, was ich für Lübben mit seiner längeren Krankheit, welche in seinen Tod endete, für mich mit der Schwierigkeit zu entschuldigen bitte, welche mit solcher Aufgabe, das Werk eines Andern herauszugeben und zu vollenden, verknüpft ist.
HAMBURG, August 1888.
C. H. F. Walther.