„Nun wohl, so tun Sie, was Sie können. Die Sache ist wichtig. Mir liegt sehr viel an einem Mann, der zuverlässige Auskunft über die britische Flotte beschaffen könnte, und Sie wissen, daß wir mit Geld nicht sparen.“
Pénurot war auf der Stelle bereit, das schwierige Unternehmen zu versuchen, und er verabschiedete sich von Heideck mit dem Versprechen, bald nach Mitternacht hier in der nämlichen Weinstube wieder mit ihm zusammenzutreffen.
Bald nach ihm verließ Heideck das Restaurant und ging, seine heiße Stirn zu kühlen, den Quai Van Dyck entlang.
Die Stadt hatte in dieser Kriegszeit ein eigentümlich verändertes Aussehen angenommen. In den Straßen wimmelte es von deutschen Soldaten, der sonstige lebhafte Verkehr am Hafen hatte vollständig aufgehört. Es gab ja keinen Handel mehr, seitdem die deutschen Kriegsschiffe gleich schwimmenden Zitadellen in der Schelde lagen. Und doch war es beinahe unbegreiflich, wie das alles so schnell hatte kommen können. Antwerpen war eine fast uneinnehmbare Festung, wenn die Ueberschwemmung des umliegenden Landes rechtzeitig ins Werk gesetzt wurde. Aber die belgische Regierung hatte nicht einmal einen Versuch der Verteidigung gemacht, als die Spitzen des siebenten und achten Armeekorps in der Nähe der Stadt erschienen waren. Ohne weiteres hatte sie die Festung mit all ihren starken Außenforts der deutschen Heeresleitung ausgeliefert und ihre eigene Armee zurückgezogen. Der Reichskanzler hatte wohl recht, wenn er die Bedeutung Antwerpens für das Deutsche Reich so hoch bewertete. Die Bevölkerung war fast ausschließlich vlämisch, und Antwerpen war somit der Nationalität nach eine deutsche Stadt.
Aber von der allgemeinen Weltlage kehrten Heidecks Gedanken an diesem Abend immer wieder zu Edith und ihrem Briefe zurück, so daß er sich endlich dazu entschloß, ihr noch heute zu schreiben.
Um seinen Plan auszuführen, ging er in das Restaurant zurück, in dem seine Zusammenkunft mit Pénurot stattgefunden hatte, und ließ sich Papier und Tinte geben. Als er den Brief beendet hatte, überflog er noch einmal die Zeilen, in denen er, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sein Herz hatte sprechen lassen:
‚Meine liebe Edith! Durch einen Zufall gelangte ich bei Ausübung meines Dienstes in den Besitz des Briefes, den Du an Frau Amelungen geschrieben. Es geschah, als ich nach ganz anderen Dingen suchte, und Du kannst Dir wohl denken, wie groß meine Ueberraschung bei der unverhofften Entdeckung war.
Seit der Stunde, da wir uns trennen mußten und Du mir vielleicht nicht ohne Groll und Vorwurf die Hand zum Abschied reichtest, fühle ich immer mehr, wie unentbehrlich Du mir bist. Ich bewahre jedes Wort, das Du zu mir gesprochen, jeden Blick, den Du mir geschenkt, in meiner Erinnerung, und immer schöner, immer leuchtender steht Dein Bild vor meiner Seele.
Nie habe ich bei einer Frau einen so schönen, feinen und scharfen Geist gefunden wie bei Dir. Ich darf nicht verschweigen, daß Deine Gedanken mich anfangs zuweilen erschreckt haben: Deine Anschauungen entfernen sich oft so weit von dem Alltäglichen und erheben sich so hoch über das Gewöhnliche, daß man Zeit braucht, um sie recht zu würdigen. Wenn ich jetzt zurückdenke an das, was mich einst befremdete, so geschieht es nur mit Empfindungen der Bewunderung. Von Tag zu Tag hat sich der Eindruck vertieft, den ich bei unserer ersten Unterredung von Dir empfing, und immer unerschütterlicher ist in mir die beglückende Gewißheit geworden, daß die Liebe zu Dir der Inhalt meines ganzen künftigen Lebens sein wird.
Trotzdem darf ich es nicht beklagen, daß ich die Kraft hatte, mich in Neapel von Dir zu trennen. Der schöne Traum unseres Zusammenlebens wäre von der rauhen Wirklichkeit ja doch bald genug zerstört worden. Mein Dienst führt mich bald hierher, bald dorthin, und so lange dieser Krieg währt, bin ich nicht eine Stunde lang Herr über mich selbst. Wir müssen Geduld haben, Edith! — Auch dieser Feldzug kann nicht ewig währen, und wenn es der Himmel beschlossen hat, mich lebend aus ihm hervorgehen zu lassen, werden wir uns wiedersehen, um uns nie mehr zu trennen.