„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte — — — Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen. Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“

„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“

Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte Edith Irwin den Kopf.

„Nein — nein! — Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser begreifen.“

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß, den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand des armen jungen Weibes drückten.

„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu machen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“

Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen, und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres ganzen, langen Beisammenseins.