[Erstes Kapitel]
In der Mordhöhle von Makapanspoort
An einem Nachmittage des Monats Januar 1878 zog ein einzelner Reiter, neben dessen Pferd ein Knabe von etwa vierzehn Jahren einherschritt, durch das Thal des Nylflusses, welches die langgestreckten Höhenzüge der Waterberge im Lande Transvaal in Südafrika durchbricht.
Die Strahlen der Sonne fielen in blendender Klarheit vom unbewölkten Himmel herab und erzeugten in dem engen Thale eine brennende Glut. Nur langsam bewegte der kleine Zug sich vorwärts, das Pferd ging einen müden Schritt, der Reiter hatte sein bärtiges Haupt auf die Brust gesenkt, und der Knabe, welcher mit einer Hand den Steigbügelriemen gefaßt hatte, blickte oft voll Besorgnis zu dem Gesicht des Mannes empor.
Der Reiter war von gewaltigem Wuchse, breit von Brust und Schultern und mit langen Beinen. Er hatte ein kriegerisches Aussehen, obwohl keine Abzeichen militärischer Art seinen Anzug als den eines Soldaten kenntlich machten. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gebräunt, ein Hut mit sehr breitem Rande bedeckte sein Haupt, über der dunkelgrauen Bluse trug er einen Gurt von Büffelleder, an welchem ein Hirschfänger herabhing; über die eine Schulter gehängt war ein breiter Lederriemen, der der ganzen Länge nach mit metallenen Patronen besteckt war, und über der anderen Schulter trug er eine Büchse. Seine Füße steckten in hohen, bis zum Knie reichenden Stiefeln mit schweren Sporen.
Gleich dem Reiter war auch das Pferd seinem Aussehen nach an die Beschwerden der Märsche, der Jagd und des Krieges gewöhnt. Es war ein schönes starkes Tier von brauner Farbe, an dessen Brust und Hals einige hellere Streifen im Haar die Narben empfangener Wunden, sei es von Kugeln oder den Wurfspießen der Schwarzen kennzeichneten. Seine feinen, nervigen Beine zeigten eine außerordentliche Muskelkraft an, sein schlanker Hals war mit einer langen, leichten Mähne geziert, seine Augen glänzten von Klugheit, sein Kopf war zierlich und gedrungen, sein langer Schweif peitschte die Flanken. Kleine runde Narben über den Sprunggelenken ließen erkennen, daß es die Krankheit der südafrikanischen Wildnis überstanden hatte und nun allen Strapazen jenes Landes gewachsen war. Es war ein gesalzenes Pferd, wie die europäischen Kolonisten sich dort ausdrücken.
Welches aber der Grund davon war, daß das Tier so langsam ging und der Reiter sowohl wie der ihn begleitende Knabe so traurig aussahen, das war bei näherer Betrachtung leicht zu erkennen. Die linke Hand des Reiters hing bewegungslos an seiner Seite herab, und die Zügel lagen in der rechten. Dazu war diese gelähmte Hand mit einer Binde umwunden, welche von Blut gefärbt war, wie aus einer frischen Wunde. Außerdem aber war die Bluse auf der Brust mit dunkelroten Flecken reichlich bedeckt, und es war zu erkennen, daß auch hier, so nahe dem Sitze des Lebens, die Geschosse der Feinde bedrohlich gewirkt hatten. Auf diese Flecke und auf das Antlitz des verwundeten Mannes richteten sich die Blicke des besorgten Knaben an seiner Seite. Er hielt sich dicht am Pferde und war bereit, dem Vater eine Stütze zu sein, falls dieser etwa, vom Blutverlust geschwächt, nicht mehr imstande sein sollte, sich allein im Sattel zu halten. Er war ein kräftiger Knabe, dem Vater ähnlich an Gestalt. Unter seinem Hute hervor wallten blonde Locken bis auf den Kragen seiner Bluse herab und umrahmten ein frisches Gesicht mit hellen blauen Augen. Er war gleich dem Vater umgürtet und trug ein Waidmesser an der Hüfte, doch weiter keine Waffen. Ebenso trug er die hohen Stiefel, in welche die weiten Beinkleider hineingesteckt waren, doch keine Sporen.
»Wir werden unsern Marsch nicht lange mehr fortsetzen können, ich fühle mich zu schwach, mein Junge,« sagte in holländischer Sprache der Vater. »Und wer weiß, ob diese schwarzen Teufel uns nicht doch überholen, wenn sie die Richtung entdecken, in der wir ihnen entwischt sind. Aber ich weiß ein Versteck hier in dieser Gegend, dort wollen wir uns verbergen. Es ist mir um dich zu thun, Pieter Maritz, mein guter Sohn, denn was mich betrifft, so fühle ich wohl, daß es mit mir zu Ende geht.«
Indem der Reiter diese Worte mit schwacher Stimme sprach, lenkte er sein Pferd seitwärts nach dem Abhange des Berges zur Linken hin, in ein Dickicht. Das von der Sommerhitze verbrannte, lange, braune Gras, welches unter den Hufen des Pferdes und den Füßen des Knaben knisterte, hörte hier auf, und der Boden war mit frischen grünen Gewächsen bedeckt. Im Schatten hoher Agaven, deren gelbe Blumen hoch über dem Kopfe des Reiters leuchteten, hatte sich die Erde von dem letzten Gewitterguß feucht erhalten, und brennend rote Pelargonien, sowie die schirmförmigen, himmelblauen Blütenrispen der Kaplilie schimmerten zwischen dem Grün. Der Reiter richtete einen forschenden Blick auf die Gestalt der Felsen, deren rotbraune Flächen zwischen den Büschen hindurchschienen, und trieb das Pferd tiefer in das unwegsame Dickicht hinein. Kaktusbüsche von mannigfaltiger Gestalt, mit furchtbaren Stacheln bewaffnet, versperrten hier und dort den Weg und nötigten zu Umwegen, Schlingpflanzen zogen sich von Busch zu Busch und erschwerten das Vorwärtskommen. Endlich aber war die gesuchte Stelle erreicht. Eine mit grünem Moose überzogene Felswand zeigte sich dem Blicke. Hierher schien die Sonne nicht, denn sie richtete ihre Strahlen auf die andere Seite des Gebirges, und die Felswand lag im Schatten. Ein erfrischender Hauch ging von ihr aus, so daß das Pferd den Kopf erhob und mit den heißen Nüstern durstig schnupperte. Silberhelles Wasser rann in unzähligen Tropfen die Moosdecke hinab und bahnte sich einen Weg nach dem Thale hin.
Der wunde Mann hielt das Pferd an und sah mit schwermütiger Miene rings um sich. Es war hier ganz still, nur das leise Rieseln des Wassers war vernehmbar, und aus der Ferne tönte von dem verlassenen Dickicht her der Ruf eines Pavians, der auf Wachtposten vor seiner Herde stehen und die Nähe des Menschen gewittert haben mochte.