I.
Bretschneiderfritz.

1.

Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.

Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.

Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der er Herz und Hand schenken mochte, das war Kordel, die Mündel seines Brodherrn, des Müllers.

Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens Unglück.

In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und der ihr gefalle, solle sie heimholen. – »Ja« – mußte sie aber dann lächelnd einwenden – »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« – »Je nun« – raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter – »wer weiß, es kann morgen Einer kommen.«