Ihre entgegengesetzten Naturen waren fünf Jahre lang durch Gewohnheit, Klassenzimmer, Interesse zusammengehalten, von gemeinsamen Erinnerungen, Niederlagen, Siegen zueinander gezogen worden. Es war ein Kompromiß zwischen Feuer und Wasser, der aufhören mußte und jeden Augenblick aufhören konnte. Er platzte nun auch wie ein Schuß; die Masken fielen; sie wurden nicht Feinde, sondern entdeckten ganz einfach, daß sie geborene Feinde seien; das heißt, zwei verschieden geschaffene Naturen, die nach verschiedenen Richtungen strebten. Man stellte kein Konto auf unter Zänkereien und anzüglichen Beschuldigungen, sondern machte ein Ende, ohne daran zu denken. Es ging von selbst.
Es war ein unheimliches Schweigen oft am Mittagstisch, wo sich die Hände kreuzten, während die Blicke einander auswichen. Manchmal bewegten sich Fritzens Lippen, als wollten sie sprechen, aber der Kehlkopf arbeitete nicht. Was sollte man sagen? Sie hatten nichts zu sagen, nichts anderes, als das Schweigen sagt: zwischen uns ist es aus!
Und doch war noch etwas da! Bald konnte Fritz abends nach Haus kommen; aufgeräumt und sichtlich in der Absicht, zu sagen: komm mit und heitere dich auf, alter Freund; blieb aber mitten im Zimmer stehen, von Johans Kälte erstarrt, um dann wieder zu gehen. Bald überkam es Johan, der unter dem Bruche litt, zum Freunde zu sagen: wie dumm sind wir doch! Dann aber erfror er wieder, wenn er dessen weltmännische Art sah.
Sie hatten die Freundschaft dadurch verbraucht, daß sie zusammenzogen. Sie konnten einander auswendig; der eine kannte des andern Geheimnisse und Schwächen; wußte, was der andere auf seine Anrede antworten würde. Es war aus!
Eine elende, entnervende Zeit folgte. Losgerissen aus dem Zusammenleben der Schule, wo er wie der Teil einer Maschine gesessen und in gemeinsamer Arbeit mit den andern Teilen tätig gewesen, hörte er jetzt, sich selbst überlassen, auf zu leben. Ohne Bücher, Zeitungen, Verkehr wurde er leer; denn das Gehirn produziert sehr wenig, vielleicht nichts, und zum Kombinieren muß es Material von außen haben. Es kam aber nichts von außen, die Kanäle waren verstopft, die Wege abgeschnitten; seine Seele hungerte.
Zuweilen nahm er Fritzens Bücher und blickte hinein. Darunter fand er zum ersten Male Geijers Geschichte. Geijer war ein großer Name, war ihm nur bekannt durch die schlechten Gedichte: „Köhlerknabe, Letzter Kämpe, Wiking‟ und andere. Jetzt wollte Johan den Historiker lesen. Er las den Teil über Gustav Wasa. Er war erstaunt, weder einen großen Gesichtspunkt noch neue Aufschlüsse zu finden. Und der Stil, von dem man damals viel sprach, war alltäglich. Sie glich einer Gedächtnisrede, diese kurze Geschichte der Regierung eines so lange lebenden Königs. Und summarisch war sie auch, wie ein richtiges Lehrbuch. In kleiner Schrift und ohne Anmerkungen gedruckt, hätte die ganze Regierung dieses schöpferischen Königs nur eine Broschüre gebildet.
Johan fragte eines Tages die Kameraden, was sie von Geijer hielten. — Der ist jämmerlich, antworteten sie. — Das war damals die allgemeine Ansicht, als noch keine Jubiläums- und Denkmalsrücksichten einen daran hinderten, seine Meinung auszusprechen.
Dann warf er einen Blick in die Grundgesetze. Huh! Es war schauerlich, so etwas lernen zu müssen! Durch Elternhaus und Christentum hatte Johan einen solchen Unwillen gegen alles bekommen, was allgemeine Interessen betraf. Auch hatte er unaufhörlich den alten Satz gehört, die Jugend solle sich nicht mit Politik befassen, das heißt, mit dem allgemeinen Wohl. Durch den Individualismus des Christentums, mit dessen ewigem Wühlen im eigenen Ich und dessen Gebrechen, war er aus Konsequenz Egoist geworden. „Wenn jeder seine Arbeit tut...‟, war ja das erste Gebot der christlichen Egoistenmoral. Darum las er auch nicht Zeitungen, kümmerte sich nicht darum, wer regierte und wer regiert wurde; was sich draußen in der Welt zutrug; wie sich die Schicksale der Völker gestalteten; was die großen Geister der Zeit dachten.
Darum kam es ihm auch nie in den Sinn, die Sitzungen der Landsmannschaften zu besuchen, auf denen allgemeine Angelegenheiten behandelt wurden. Das besorgen sie wohl allein, meinte er. Und er war nicht der einzige, der so dachte. So wurden die Sitzungen der Landsmannschaften von einigen flinken Kerlen geleitet, die vielleicht mit Unrecht für Egoisten galten, die das allgemeine Interesse für ihr eigenes benutzten. Johan, der die Angelegenheiten der kleinen Gesellschaft gehen ließ, wie sie gingen, war wohl ein größerer Egoist, da er sich mit den Privatangelegenheiten seiner Seele beschäftigte. Doch zu seiner Entschuldigung und zu der vieler Landsleute muß gesagt werden, daß er schüchtern war. Aber diese Schüchternheit hätte die Schule durch Übungen in öffentlichem Auftreten und Unterricht im Reden aufheben sollen. In der Schüchternheit lag doch auch Feigheit: die Furcht vor Widerspruch, Gelächter; am meisten aber fürchtete man, für frech gehalten zu werden; und jeder junge Mann, der sich hervortun wollte, wurde sofort geduckt, denn hier herrschte die Altersaristokratie in hohem Grade.