Auf dem Lande mit seinen einfacheren Verhältnissen glaubte Johan in einer unbemerkten Stellung gedeihen zu können, ohne es zu spüren, daß er gesunken oder herabgestiegen sei. In der Stadt dagegen nicht, denn dort wurde er unaufhörlich an die Höhe und den Fall erinnert. Gutwillig herabsteigen, ist nicht peinlich, wenn die Zuschauer nur überzeugt werden können, daß es gutwillig geschieht; fallen aber ist bitter, zumal ein Fall immer mit Applaus von den unten Stehenden begrüßt wird. Steigen oder Emporstreben, seine Stellung verbessern ist ein Gesellschaftstrieb geworden; der Jüngling wurde davon getrieben, obwohl er nicht immer einsah, daß das Empor auch höher führe.
Johan wollte jetzt ein Ergebnis haben, ein Leben in Tätigkeit finden, das ihn ernährte. Er sah die vielen Anzeigen der offiziellen „Postzeitung‟ durch, in denen Volksschullehrer verlangt werden. Da waren Stellen mit 300 Kronen, 600 Kronen, Wohnung, Kuhweide, Garten. Er bewarb sich um die eine Stellung nach der andern, bekam aber keine Antwort.
Als das Semester um war und die 80 Kronen verzehrt waren, fuhr er nach Hause, ohne zu wissen, wohin er sich wenden, was er werden, wovon er leben solle. Er hatte in den Vorhof hineingeblickt, um zu sehen, daß dort kein Platz für ihn war.
12.
Unten und oben.
(1867-68)
Hast du jetzt ausgelernt? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde er ironisch bei der Heimkehr begrüßt. Der Vater nahm die Sache ernster und versuchte Pläne zu machen, ohne einen durchführen zu können. Johan war Student; das war eine Tatsache, aber was weiter? Es war Winter, und so konnte nicht einmal die weiße Studentenmütze dem Jüngling einen mildernden Glanz verleihen oder der Familie Ehre gewähren. Man hat gesagt, der Krieg würde aufhören aus Mangel an Offizieren, wenn man ihnen die Uniformen nehme; sicher ist, daß nicht so viele Studenten würden, wenn sie nicht das äußere Abzeichen trügen. In Paris, wo es nicht gebräuchlich ist, verschwinden die Studenten in der Menge; niemand macht ein Geschäft aus ihnen. In Berlin dagegen drängen sie sich als ein bevorrechtigter Stand neben die Offiziere. Darum ist auch Deutschland ein Doktorenland und Frankreich ein Mitbürgerland.
Der Vater sah nun, daß er einen Taugenichts für die Gesellschaft erzogen, der nicht zu graben vermochte, sich vielleicht aber nicht schämte zu betteln. Die Welt stand dem Jüngling offen, darin zu verhungern, darin unterzugehen. Seinen Plan, Volksschullehrer zu werden, billigte der Vater nicht. Welch ein geringes Ergebnis von soviel Arbeit! Alle seine ehrgeizigen Träume würden auch unter einem solchen Herabsteigen leiden. Volksschullehrer, das war ja wie Unteroffizier; Unterklasse ohne Hoffnung auf Steigen; und gestiegen mußte werden, solange alle andern stiegen; gestiegen muß werden, bis man sich den Hals bricht, solange die Klassen- und Ranggesellschaft existiert. Johan hatte die Studentenprüfung nicht machen dürfen, um sich Kenntnisse zu erwerben, sondern um Oberklasse zu werden; und jetzt stand er doch im Begriff, Unterklasse zu werden!
Es wurde ihm peinlich zu Hause; er glaubte Gnadenbrot zu essen, als Weihnachten vorüber war und er nicht länger als Gast gelten konnte. Da trifft er eines Tages zufällig auf der Straße einen bekannten Lehrer, den er lange nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Zukunft, und der Freund schlägt Johan die Stockholmer Volksschule als einen guten Lebensunterhalt vor, während man für den Doktor arbeitet; da habe man einen Gehalt von tausend Kronen und sei täglich um ein Uhr frei.
— Überall, nur nicht in Stockholm, meint Johan.