Das war ein neues, abwechslungsreiches Leben voller Wirklichkeit. Man fuhr in eine dunkle Gasse, kam in ein Pförtnerzimmer, wo ein Weib im Fieber lag. Trat ans Bett, zwischen arme Kinder, Großmutter und andere Verwandte, die auf Zehen gingen und das Urteil erwarteten. Nahm die muffige, zerlumpte Decke ab, entblößte eine eingesunkene, arbeitende Brust, zählte die Pulsschläge. Dann griff man zu Papier und Feder.
Dann fuhr man in die Villenstraße, wurde auf weichen Teppichen durch glänzende Zimmer in eine Schlafstube geführt, die wie ein Tempel aussah. Hob eine blauseidene Decke, schiente das Bein eines in Spitzen gekleideten, engelhaften Kindes. Betrachtete auf dem Rückweg eine Gemäldesammlung und sprach von Künstlern.
Das war neu, das war interessant. Aber was für einen Zusammenhang hatte das mit Titus Livius und der Geschichte der Philosophie?
Dann aber kamen die chirurgischen Einzelheiten. Man wird um sieben Uhr morgens geweckt, kommt in die schwarze Kammer des Doktors, muß beim Ausbrennen einer Wunde mit Hand anlegen; einer Wunde, die von einer geschlechtlichen Krankheit herrührt. Das Zimmer riecht nach Menschenfleisch und das ist widerlich bei fastendem Magen. Oder muß einem Patienten den Kopf halten, während der Doktor mit einer Gabel Drüsen aus dem Rachen zieht; fühlen, wie der Kopf des Patienten unter dem Schmerz zuckt.
Daran gewöhnt man sich bald, sagte der Doktor, und das war wahrscheinlich. Aber Johans Gedanken waren jetzt bei Goethes Faust, Wielands leckern Romanen, George Sands sozialen Phantasien, Chateaubriands Naturschwärmereien, Lessings verständigen Theorien. Die Phantasie war in Bewegung gesetzt, und das Gedächtnis wollte nicht arbeiten; die Wirklichkeit mit ihren Brandwunden und geronnenem Blut war unschön; die Ästhetik hatte den Jüngling so gefaßt, daß das Leben ihm traurig und abstoßend vorkam.
Der Verkehr mit Künstlern hatte seine Augen für eine neue Welt geöffnet: eine freie Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie kamen an den reichen und gebildeten Tisch schlecht gekleidet, mit schwarzen Nägeln und unreiner Wäsche, als seien sie nicht nur den andern ebenbürtig, sondern überlegen. Worin? Sie konnten kaum ihren Namen schreiben, sie liehen Geld, um zu bezahlen, sie führten eine rohe Sprache. Alles war ihnen erlaubt, das andern nicht erlaubt war. Warum? Sie konnten malen. Aber das konnte man ja auf der Akademie lernen, und die Akademie fragte nicht, ob alle, die eingeschrieben wurden, auch Genies seien? Wie wußte man also, daß sie Genies waren? War Malen denn mehr als Wissen, Kenntnisse besitzen, gelehrt sein?
Und diese Künstler hatten ein eigenes Moralgesetz, das anerkannt wurde. Sie mieteten sich ein Atelier und ließen sich Frauen kommen, die sich nackt entkleideten. Sie prahlten mit ihren Geliebten, während sich andere ihrer schämten und ihretwegen getadelt wurden. Sie konnten in Geldverlegenheit sein und scherzten darüber, während andere dadurch belastet wurden; ja, es gehörte zu einem richtigen Künstler, ein „Lump‟ zu sein, wie man es sonst nannte.
Das sei eine heitere, freie Welt, dachte Johan; in der werde er sich wohl fühlen, ohne alle konventionelle Fesseln, ohne Pflichten gegen die Gesellschaft, vor allem aber ohne Berührung mit der langweiligen Wirklichkeit. Aber er war kein Genie; wie sollte er also da hineinkommen? Sollte er malen lernen, um den Freibrief zu erhalten? Nein, das ging nicht; er hatte nie ans Malen gedacht, dazu war er nicht berufen; auch würde die Malerei nicht alles ausdrücken, was er sagen wollte, wenn er einmal zum Sprechen käme. Sollte es etwas sein, wenn es etwas sein sollte, so wäre es das Theater. Der Schauspieler durfte vertreten und alle diese Wahrheiten sagen, wie bitter sie auch sein mochten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das war sicherlich eine schöne Laufbahn.