— Ich bekomme also kein Zeugnis?

— Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!

Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes Laboratorium.

Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!

Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben: Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des Körpers wühlen? Pfui Teufel!

Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind, Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren! Vielleicht hatte jede Seele etwas zu geben, was nicht in den Büchern stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.

So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.

Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.


Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb, sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern, größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet. In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber Widerstand von anderer Seite.