Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.

Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei; daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich erleichtert hat, wird er wieder froh.

Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen. Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang des Leidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich, daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe beieinander.


Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.


Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe, daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein Liedersänger, ja meinetwegen; aber ein großer Dichter, der größte Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!

Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis, Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben? Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte, brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja, Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.

Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er, als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut, im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude, denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater des garstigen alten Junggesellen Konjander.

Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime; hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt. Das ist Text für Musik, und als solchen kann man sogar das Adreßbuch benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.