Da der Raum allzu eng wurde, zog die Familie in einen Vorort und mietete in der Nordzollstraße sechs Zimmer nebst Küche. Gleichzeitig trat Johan im Alter von sieben Jahren in die höhere Lehranstalt von St. Klara ein.

Es war ein langer Weg für die kurzen Beine, zumal da vier Male am Tage gegangen werden mußte, aber der Vater wollte die Kinder abhärten. Das war richtig und löblich, aber soviel unnötiger Verbrauch der Muskel hätte durch kräftige Nahrung ersetzt werden müssen; das aber erlaubten die Mittel des Hauses nicht. Auch konnte die übertriebene Gehirntätigkeit nicht durch die einseitige Gehbewegung aufgehoben werden, zu der noch das Tragen der schweren Schulmappe kam.

Plus und Minus hoben sich nicht auf, und dieser Mangel an Gleichgewicht hatte neuen Zwiespalt zur Folge.

Im Winter wird der Siebenjährige mit seinen Brüdern um sechs Uhr geweckt, während es noch ganz dunkel ist. Er ist nicht ausgeschlafen, sondern hat noch das Schlaffieber im Körper. Vater und Mutter, Geschwister und Mägde schlafen weiter. Er wäscht sich mit kaltem Wasser; trinkt eine Tasse Gerstenkaffee und ißt ein Franzbrot, während er in Rabes Grammatik die Endungen der vierten Deklination durchnimmt; ein Stück von „Joseph wird von seinen Brüdern verkauft‟ durchliest; den zweiten Artikel nebst Erklärung herplappert.

Dann werden die Bücher in den Ranzen gesteckt und man geht. Auf der Nordzollstraße ist es noch dunkel. Jede zweite Öllaterne schaukelt in dem kalten Wind an ihren Stricken, und der Schnee liegt tief. Kein Knecht ist noch draußen gewesen und hat geschaufelt. Ein kleiner Streit entsteht zwischen den Brüdern über die Schnelligkeit ihres Marsches. Nur Bäckerwagen und Schutzleute sind in Bewegung. Bei der Sternwarte sind die Schneehaufen so hoch, daß Stiefel und Hosen feucht werden. Auf der Königshöhe tritt man beim Bäcker ein und kauft sich zum Frühstück ein Franzbrot, das gewöhnlich auf dem Wege verzehrt wird. Beim Heumarkt trennt er sich von den Brüdern, die in eine private Realschule gehen.

Als er schließlich an der Ecke der Klaraberggasse anlangte, schlug die Uhr, die verhängnisvolle Uhr der Klarakirche. Die Beine bekamen Flügel, der Ranzen schlug ihn in den Rücken, die Schläfen klopften, das Gehirn sprang unter den heftigen Schlägen der Pulse. Als er in die Kirchhofsgasse kam, sah er, daß die Klassen leer waren. Es war zu spät.

Die Pflicht war für ihn wie ein abgelegtes Versprechen. Höhere Macht, zwingende Not, nichts konnte ihn davon lösen. Der Schiffskapitän hat es gedruckt auf dem Frachtbrief, daß er sich verpflichtet, die Ware unbeschädigt an dem und dem Tage abzuliefern, „wenn Gott will‟. Wenn Gott Sturm oder Schnee sendet, ist er entbunden. Der Knabe aber hatte keine derartige Vorsichtsmaßregel getroffen. Er hatte seine Pflicht vernachlässigt, und er sollte bestraft werden: das war alles.

Schweren Schrittes ging er in die Klasse. Dort war nur der Kustos, der ihn anlächelte und seinen Namen auf die schwarze Tafel schrieb, unter der Überschrift: Sero.

Eine qualvolle Weile vergeht. Dann ist ein starkes Geschrei aus der zweiten Klasse zu hören und die Hiebe eines Rohrstockes fallen dicht. Das ist der Rektor, der an den Zuspätkommenden seine Pflicht tut oder sich Bewegung macht. Johan beginnt zu weinen und zittert am ganzen Körper. Nicht vor dem Schmerz, sondern vor der Schande, übergelegt zu werden wie ein Schlachttier oder ein Missetäter.

Da wird die Tür geöffnet. Er fährt auf. Aber es ist die Aufwärterin, welche die Lampe putzen will.