»Soll ich die Beweise noch einmal wiederholen? Nein, das willst du nicht! – Jedenfalls hat Holger im Gefängnis eine Menge Erlebnisse gehabt, die er nicht erklären konnte, die ihn aber beunruhigt haben. Solange wir etwas nicht erklären können, nennen wir es Mystik. Nun hatte er Swedenborg nie gelesen; als er aber wieder herauskam, geschah ihm das Folgende, das du kontrollieren kannst, wenn du willst. Nach seiner Befreiung lebte er in Grübeleien und glaubte natürlich auf dem Wege zum Wahnsinn zu sein. Da kommt eines Tages auf die Redaktion ein armer Jugendfreund und will Swedenborgs Arcana Coelestia, die schwedische Ausgabe verkaufen, besaß aber nur Teil 6, 7 und 8. Um ihm zu helfen, kaufte Holger sie, ohne die Absicht, sie zu lesen. Als er jedoch, nachdem er allein geblieben war, darin blätterte, fand er in dem Buche – seine Erlebnisse im Gefängnis, und die Erklärungen dafür stimmten. Da wurde er nachdenklich, versuchte Geister zu beschwören mit den Formeln Hypnotismus, Suggestion, Zwangsvorstellungen und andern. Jedenfalls war auf seine Vergangenheit und seine Gegenwart ein neues Licht gefallen. Vierzehn Tage später war er in Upsala und ging zum Antiquar, um das Gesetzbuch von 1734 zu kaufen. Er muß selbst in den Regalen suchen und findet nun Teil 1, 2 und 3 der Arcana; aber natürlich nicht die gleiche Ausgabe wie die seine. Als er nach Stockholm zurückkam, wollte er sofort das ganze Werk kaufen, doch es war nirgends zu haben. Er wollte eben von dem letzten Antiquar fortgehen, da fällt ihm ein, zu fragen: Aber Sie haben vielleicht einzelne Bände? – Ja, die hatte er; und gerade Teil 4 und 5, die fehlten; und wieder eine andere Ausgabe als die seine. Wenn du das als Zufall hinstellen willst, so kannst du auch Lotterie spielen und voraussagen, ob du gewinnen wirst oder nicht. Dennoch ist er nicht Spiritist und hat keine Visionen – aber er nimmt wahr, er bekommt Eindrücke, Warnungen, ganz wie der nüchterne Sokrates von seinem Daimon. Seine Person scheint mir unter der höchsten Temperatur des Leidens in einer Retorte sublimiert zu sein; er hat sich gespalten in einen Alltagsmenschen, der unten in der Materie lebt, und einen Feiertagsmenschen, den er nach gut verrichteter Pflicht ausschlüpfen läßt.«

»Hast du Swedenborg gelesen?« fragte Esther, die sich bei diesem Gespräch nicht wohl fühlte.

»Ja, ich habe ihn gelesen, und ich glaube, kein Mensch hat so viele Geheimnisse ergründet wie er … Es ist kein Zufall, daß sein Haus hier auf dem Berge steht, gerade jetzt, wo er gebraucht wird … Höre an dem Namen Sweden borg, was er für unser Schweden bedeutet. Ich möchte ihn da in der Türöffnung sitzen sehen wie Abraham, als er im Haine Mamre Besuch von dem Herrn bekam … Er kehrt wieder, aber um zu erlösen und Gericht zu halten; um zu befreien, nämlich den Geist; um zu binden, nämlich das Tier! Ich habe nicht recht begriffen, warum all diese Tiere mit ihrer Unreinlichkeit hier auf dem Berge eingesperrt gehalten werden, aber das hat vielleicht den Grund, daß wir den Unterschied zwischen ihnen und uns sehen, daß wir durch Vergleich den Menschen entdecken sollen! Jetzt ist die Mitternacht da, und ich höre das Jahrhundert kommen, von Osten her; jetzt steht es über Värtan, es läutet in Vaxholm … Birgt es Frieden unter seinen Schwingen, Frieden durch Kampf? Die Menschen wollen keinen Frieden! Heute werden im Haag von sechsundzwanzig Staaten die Verhandlungen des Friedenskongresses unterzeichnet! Aber niemand glaubt an den Frieden; alle rüsten! … Wenn du gut von den Menschen sprichst, lachen sie dich aus; sie kennen sich, wir kennen uns; sprichst du aber schlecht von ihnen, von uns, dann werden sie böse. Etwas schlechter als ihr Ruf und etwas besser sind die Menschenkinder!«


Jetzt läutete es von den beiden Glockentürmen, und von der Stadt erhob es sich wie eine Wolkensäule von hallendem Geläut, so daß der Berg bebte. Es ging ein Erschauern durch die Volksmassen, die verstummten und den Kopf entblößten, ohne daran zu denken, wem sie huldigten. Die Tiere in Käfigen und Grotten krochen hinein und versteckten sich, erschrocken wie Heiden beim Klang der geweihten Glocken; es ging ein Rauschen durch die Kiefern, das das Rauschen des Nachtwindes sein konnte, aber auch das Rauschen des durch die Bronze erschütterten Luftmeeres.

Das große Te Deum von der Stadt stieg und stieg, und man sah die spitzen Kirchtürme sich wie Blitzableiter erheben, um die Blitze des Zorns abzuleiten. Der Sternenhimmel aber lächelte sanft, freundlich, nachsichtig.

Und dann verstummten die Glocken der Türme auf dem Berge, auch die der Stadt, eine nach der andern.

»Glaubst du, daß man dies droben gehört hat?« fragte Esther.

»Ja, so wahr meine Seele lebt, das hat man gehört!« antwortete Max.

Nach kurzem Schweigen nahm er wieder das Wort: