– Ja, aber das war Freundschaft!

– Ja, das war es! Aber so beginnt ja auch die Liebe zwischen den verschiedenen Geschlechtern. Es muss weit kommen, ehe einer von Beiden sich eine körperliche Berührung in einem Kuss oder einer Liebkosung erlaubt oder überhaupt ein Bedürfnis danach empfindet. Bei Mädchen dagegen äussert sich diese Freundschaft in Umarmungen und Küssen. Das ist ganz unschuldig natürlich, aber die Symptome gleichen sehr dem, was man Liebe nennt. Es ist ebenso unschuldig wie das Gefühl, das Eltern dazu treibt, ihre Kinder in die Arme zu nehmen und zu küssen. Kannst du sagen, was rein und unrein ist, körperlich oder geistig? Das ist schwer, denn die Liebe der Eltern zu den Kindern hat ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich in körperlicher Berührung zu äussern und steht doch über jeden Verdacht, sinnlich zu sein. Haust aber eine arme Familie zusammen in einem Zimmer, schlafen Vater und Töchter zusammen, während die Mädchen heranwachsen, dann kann es geschehen, dass die Gefühle ihre Natur ändern. Die äusseren Umstände sind es, die da wirken, wie man auch nur bei Hirten und Reitern Fälle von Bestialität trifft. Sag nicht, das ist ein neues, unnatürliches Element, sondern das ist dieselbe Natur, die aber aus Mangel an Gelegenheit sich andere Auswege sucht, wie sich die Gewebe des Körpers einem Fistelgang öffnen, wenn die natürlichen Kanäle von einer Krankheit geschlossen werden.

Jetzt sollst du meine Geschichte hören.

Er war klein und unbedeutend und wurde von den Mädchen übersehen, denn sie fanden, er sei weder als Liebhaber noch als Beschützer vielversprechend. Das flösste ihm Misstrauen zu sich selber und Abneigung gegen das andere Geschlecht ein. Als er älter wurde und Dirnen besuchte, fiel es ihm auf, was wir andern ganz natürlich fanden, dass sie sich bezahlen liessen. Das chokierte ihn. Warum sollte nur der eine Teil bezahlt nehmen und nicht der andere, wenn alle beide das Vergnügen genossen.

Dann ging er ein Verhältnis mit einer Näherin ein. Sie hatte ihn lieb und sie nahm nicht bezahlt. Aber sie wurde von seltsamen Träumen beunruhigt, die auch ihn zu beunruhigen anfingen. Das eine Mal träumte sie, er lade sie ins Theater ein; das zweite Mal, er schenke ihr Handschuhe; das dritte Mal, er bezahle ihre Miete. Mein Freund war nicht stark darin, Träume zu deuten, weil er arm war, und dem Mädchen wurden ihre Träume nicht erfüllt. Der Freund dachte, ich habe alle Soupers bezahlt und sie keins; aber das sagte er nicht. Doch sie ward es müde, ein Traumleben zu leben, und schenkte ihre Liebe bald einem Buchhalter, der die Mittel hatte, ihre Träume zu erfüllen. Mein Freund wurde sehr bitter gegen die Frauen: das seien Materialisten, da sie nicht aus reiner Liebe lieben könnten.

Später verliebte er sich wieder. Als er ans Heiraten denken konnte, ging er zum Vater; der fragte ihn natürlich, ob er Geld habe.

– So, man muss auch das Heiraten bezahlen, dachte er. Nur bezahlen, immer und überall!

Aber er war verliebt, und er entschloss sich zu dem Handel. Er war Turn- und Schwimmlehrer. Jetzt fängst du an zu verstehen. Er verheiratete sich. Entdeckte nach dem ersten Kind, dass seine Frau Anlage für „höhere Aufgaben“ besitze und nicht mehr Kinder haben wolle. Sturm und Gewitter! Und dann halbe Ruhe. Oft fand er es hart, für nichts bezahlen zu müssen; aber es war nicht mehr zu ändern.

Fünfzehn Jahre dauerte das Zölibat und seine Frau wusste ihre Stellung gut zu verteidigen.

– Ich bin die Mutter deines Kindes, und in dieser Eigenschaft bin ich im Haus.