Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die Hände, eine nach der anderen, und immer in einem günstigen Augenblick. So treffe ich in seinen "Träumen" alle Symptome der "Krankheit" an, die mich heimsucht, die nächtlichen Anfälle, die Atemnot. Und die Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzählt werden, gehören in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war für Swedenborg die Periode der "Verwüstung", als er dem Satan überliefert wurde, damit das Fleisch getötet werde.
Das gibt mir Klarheit über die wohlwollenden Absichten des Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu können. Erst nachdem ich "Himmel und Hölle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fühlen. Es gibt einen Zweck in diesen unerklärlichen Leiden: die Verbesserung und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grösserem, Nietzsches erträumtem Ideal, wiewohl anders aufgefasst.
Den Teufel gibt es nicht als ein selbständiges Wesen, das Gott gleich und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Böse um des Bösen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte Überwachung der eigenen Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.
Und da ich beobachte, was sich im täglichen Leben zuträgt, wird eine neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hält so schwer, zuerst von einem fröhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein "schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles lernen.
So hatte ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar sitze ich da, mit dem Rücken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen, die Frage zu erörtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?
Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines Lärms, der hinter meinem Rücken so stark ausbricht, dass die Kaffeetassen auf dem Tablett hüpfen.
Man kann sich denken, was ich für ein Gesicht machte! Einer von den Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.
Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues Poltern über meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.
Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten. Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht überhand nimmt und eine zügellose Fröhlichkeit sowie Vorschläge in cynischer Richtung zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine Weile Tier zu sein, und übrigens ist das Leben nicht immer lustig ... und so weiter im selben Sinne.
Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an stürmischen Trinkgelagen teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist. Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des Doms läutet Totengeläut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen Tischkameraden in Betrübnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen, wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.