Café Baratte bei den Hallen hat für mich immer eine wunderbare Anziehungskraft gehabt, ohne dass ich weiss warum. Es kann die Nähe der Hallen sein, die zieht. Wenn es auf dem Boulevard Nacht ist, ist es bei den Hallen Morgen, wo es übrigens die ganze Nacht Morgen ist. Die triste Nacht mit ihrer erzwungenen Beschäftigungslosigkeit und ihren dunklen Träumen gibt es dort nicht. Der Geist, der sich an unmateriellen Welten berauscht hat, verlangt nach Essen und Schmutz, Laster und Lärm hinab. Auf mich wirkt dieser Geruch von Fisch, Fleisch, Gemüse, in deren Abfall man tritt, als ein herrlicher Kontrast gegen die hohen Themata, die man soeben behandelt hat. Das ist der Moder, aus dem wir geschaffen sind und täglich dreimal neugeschaffen werden; und wenn man von Halbdunkel, Schmutz und schäbigen Gestalten in das gemütliche Café tritt, wird man von Licht, Wärme, Gesang, Mandolinen und Gitarren begrüsst. Da sitzen Huren und ihresgleichen, doch zu dieser Stunde ist jeder Klassenunterschied ausgetilgt. Und hier sitzen Künstler, Studenten, Schriftsteller durcheinander, kneipen an langen Tischen und träumen wachend; oder haben sie den traurigen Schlaf geflohen, der vielleicht aufgehört hat sie zu besuchen? Es ist keine sprühende Freude, sondern eine stille Narkose ruht über dem ganzen; und für mich ist es, als trete ich in das Reich der Schatten, wo das gespensterhafte Leben nur halbe Wirklichkeit hat. Ich kenne einen Schriftsteller, der nachts dort zu sitzen und zu schreiben pflegte. Ich habe Fremde dort gesehen, die gekleidet waren, als kämen sie von einem glänzenden Souper aus dem Parc Monceau. Habe einen Mann aus dem Publikum mit dem Aussehen eines fremden Gesandten aufstehen und ein Solo singen sehen. Habe Leute, die verkleideten Prinzen und Prinzessinnen glichen, Champagner trinken sehen. Ich weiss jetzt nicht mehr, ob es wirkliche Sterbliche sind, alle diese Schatten, oder ob es "Astralleiber" Schlafender sind, die sich draussen befinden und die Schlaftrunkenen, die da sitzen, halluzinieren. Das Merkwürdige ist, dass kein grober Ton die Gesellschaft beherrscht, die in das enge Lokal gepfercht ist: die Schwermut der Schlaflosigkeit dämpft und gibt allem, was geschieht, eine gewisse melancholische Farbe. Die Lieder der Sänger sind meist sentimental, und die melancholische Gitarre heilt die Nadelstiche, mit denen die scharfe stahlsaitige Mandoline die Gehirnmuskeln sticht....
Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit demselben Freunde hier im Café war. Wir hatten über die verborgenen Fähigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Gründen die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder eine Drüse, das können Sie doch sehen!"—"Glauben Sie das nicht! Kommen Sie, wir wollen vor die Tür gehen und uns eins kaufen!"—Wir gingen in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch Korridore und Gewölbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns in einem Saal, der mit blutigen Körpern und Eingeweiden dekoriert war. Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum für Gehirne. Blutige Männer mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierköpfe so, dass der Schädel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis zum Tisch des Cafés, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert wurde.
Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fühle ich mich wohl unter der Menschenmenge, es strömt Wärme und Sympathie von ihr aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen Mitleid mit diesen unglücklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hässlich, verschmäht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen. Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie ich, vor, zwei einzuladen, von den hässlichsten, die neben uns sitzen. Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas trinken wollen, und, hinzufüge: aber ohne irgend welche Illusionen sonst, und vor allem anständig.
Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der Freund und ich setzen unser philosophisches Gespräch auf Deutsch fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf Aufwartung.
Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt sähe? Ja, dann weiss ich, was er sagen würde, und ich weiss auch, was ich antworten würde.—Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen, mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin genötigt, die Gesellschaft von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmähten prahlen zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu sehen, ihre Stimmen zu hören, die doch die von Frauen gewesen sind.... Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich als Zugabe Moral gebe.
Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen zu sitzen und vom Überfluss des Augenblicks geben zu können, des Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....
Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fünf, und wir gehen; aber da fordert meine Dame fünfzehn Francs dafür, dass sie mir Gesellschaft geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklärlich finde; denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer Polizei gegenüber. Dass das meine Selbstachtung erhöhen wird, glaube ich nicht, eher das Gegenteil.
Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in seinen "Träumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofür? "Dass er isst und trinkt mit Huren und Zöllnern, während Johannes in die Wüste ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien; und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im Nachtcafé sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.
Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht, die Götter kennten unsere Welt nicht und würden sich verunreinigen, wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Gürtel genannt habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zündete die Lampe an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und siehe, sie antwortete:
"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen, den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss, um zu Gehorsam gebracht zu werden!"