Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür hervortritt.

Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.

Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.

Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie. Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine Lage durchaus nicht gesichert sei.

Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts, sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen; er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.

Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen auf der Strasse.

Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod wolle ihn noch nicht.

Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der Unabhängigen fertig zu machen.