In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich dagegen sah in den Mächten eine oder mehrere konkrete, lebendige, individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.
Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung und Abtötung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses Ichs erweist sich also als der höchste und letzte Zweck des Daseins. Meine bestimmte und beständige Antwort auf seine Einwendungen lautete also: die Abtötung des Ichs ist Selbstmord.
Übrigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals! Vor dem Ewigen, den Mächten, der Vorsehung unterdrücke ich meine bösen Instinkte, stets und ständig, so weit es möglich ist. Kämpfen für die Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflüsse, die der Ehrgeiz einer Sekte oder einer Partei auf mich ausüben will, das ist meine Pflicht; wie sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner göttlichen Beschützer gegeben hat.
Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke, den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht, dass die Theosphie mir widerstrebt.
Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine so hochmütige Sprache, wird seine Tyrannei so unerträglich, dass ich fürchten muss, er hält mich für verrückt. Er nennt mich Simon Magus, Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort, ich habe Frau B. durchaus nicht nötig und niemand habe mir etwas zu lehren. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit Hilfe von Mächten, die stärker als meine seien, auf den rechten Weg zurückzuführen wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu rühren; das sei gut behütet von der Hand der Vorsehung, die mich immer geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erläutern, erzähle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an providentiellen Zwischenfällen so reichen Leben, indem ich jedoch vorausschicke, dass ich fürchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.
Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geräuschvollsten literarischen Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder in Skandinavien unterstützte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich hinreissen und überschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass meine Landsleute mich für verrückt erklärten.
Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.
Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war geschraubt, Streichungen und Änderungen zeigten, dass der Schreiber gezögert hatte, was für Gründe er anführen solle. Ich witterte eine Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen Ausdrücken ab.
Zwei Jahre später, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als Zollinspektor lebt.
Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen Verhör. Nachdem ich eine Nacht über die Sache nachgedacht habe, wird sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie für mich hat. Ein Despot ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zähmen und seine Überlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.