Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt zu machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so daß ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, aus dem ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen und die in der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen würde, wo der größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der That gelangte ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an eines jener Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig Fuß über dem Boden befindlichen Fenster empor. Nach wiederholtem Klopfen antwortete zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der Versicherung, daß sie persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich die Drohung, das Haus in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. Das Fenster flog auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes Mädchen, kaum mit dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit bärtigen Grenadieren gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb ohnmächtig auf einen Stuhl sinkend: „caballero, por Dios!“[32] mir zuhauchte, erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume sie zu führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug gewesen war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, welche einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; mehrere Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen Mädchens, einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals im väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen Scenen jener Nacht lachte.
Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache, die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen donnerte: wir standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir — uns schien die Zeit eine Ewigkeit — ein schützendes Seitengäßchen erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser gezogen und den Wundärzten übergeben.
Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche, die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden. Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich, die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter der dann der regelmäßigere Bau der Batterie vor sich gehen konnte. Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand, die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.
Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort, die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls erstürmt waren, in Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos zuführte.
Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt, aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten; rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der Verwundeten — es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.
Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft, stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen Tribut ab.
Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk, daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander, von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf von den Freiwilligen à vive force genommen wären. Da der Stadt die gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt, wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden, niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.
Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben; da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das Volk, daß wir nun bleibend Castilien eroberten und schnell den Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie, lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich, und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s, wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen. Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!