Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele: die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und... Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid. So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so würde er zu rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben und damit den Krieg beendet haben. — Zariategui, es ist wahr, hat in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun. Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter, der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.
Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar geworden war: während der acht Tage, die wir üppig in Valladolid zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.
Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben, daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.
Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch[34] wild durch die Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den Straßen flog Alles in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.
Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen, der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen, Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. Da tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter der Ruf: viva el Rey! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu werfen, aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. Eine neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. Plötzlich stürzte ein Officier mit lautem viva Carlos quinto auf den feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde; eine Sekunde später hatten die Navarresen die Feinde durchbrochen, vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde genommen.
Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt. Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen, längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben. Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der Stadt uns zurück, indem Valencia[35] die Nachhut übernahm.
Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen Truppen unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten, schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust. Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1. Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.
Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte. Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de Duero ein. Der Unglücksbote hatte die Meldung von dem Rückzuge des königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.
Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen, zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus zwei Compagnien Peseteros[36] bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein hoffte.
Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die 7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem Corps des Königs zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen, und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh. Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen. Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort „Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen; schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt, als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten, unter furchtbarem Kugelregen die Geschütze einhängten und, auf die Maulthiere[37] sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen! Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.