Die Ansiedelung auf dem Erzgebirge weist die Merkwürdigkeit auf, dass sie zu den höchst gelegenen auf der ganzen Erde und insbesondere von Europa gehört. Es gibt wohl höher gelegene Orte; sie sind aber nur Herbergen für die Reisenden oder Heilanstalten, oder es sind Gasthäuser für Touristen. Nur einzelne Ansiedelungen, wie Le Locle 996m und La Chaux de Fonds 976m hoch, jenes mit 9000, dieses mit 17.000 Einwohnern (Uhrmacherfamilien), bilden eine Ausnahme und zeigen von einer dichten, sesshaften Bevölkerung in ungewöhnlicher Gebirgshöhe. In den Alpen steigen die Bewohner gegen den Winter zu in die Thäler hinab. Im Böhmerwalde gibt es nur zwei Ortschaften: Aussengefield und Eisenstrass mit 2000 Einwohnern, dieses 850, jenes 1077m hoch. Auf allen Gebirgen Deutschlands, wie auf dem Harz, dem Schwarzwalde, im Thüringerwalde u. s. w. nimmt die Dichtigkeit der Bevölkerung auf der Höhenlage rasch ab. Allein auf dem Erzgebirge nimmt die Dichte der Bevölkerung mit der Höhe zu, und auf der böhmischen Seite des Kammes wohnen nach der Zählung von 1857 auf 20·7 Quadrat-Myriametern (36 Quad.-Meilen) 111.180 Menschen. Die Dichtigkeit der Bevölkerung übersteigt daher 5370 Seelen auf ein Quad.-Myriameter (über 3000 auf eine Quad.-Meile). Auf der sächsischen, weniger steil abfallenden Seite erreicht sie sogar die Zahl von 17.000 Seelen auf ein Quadrat-Myriameter. Diese Dichtigkeit der Bevölkerung und die Gründung der Städte in der Höhe von 440 bis 632m: Wolkenstein, Thum, Zschoppau, Geyer, Zöblitz, Marienberg, Buchholz, Elster, Schwarzenberg, Marienkirchen, Adorf, Falkenstein, Schneeberg, Auerbach, Oelsnitz, Zwönitz und Schellenberg; zwischen 532–790m: Altenberg, Frauenstein, Seyda, Annaberg, Scheibenberg, Elterlein, Grünhain, Johann-Georgenstadt, Eibenstock, Schöneck, Heinrichsgrün, Katharinaberg, Bärringen, Hengstererben, Hirschenstand, Frühbuss, Platten, Abertham, Sächsisch- und Böhm.-Wiesenthal; über 948m ausser mehreren kleineren Ortschaften das Städtchen Gottesgab 1172m, noch 72m über der höchsten Spitze des Harzes, über dem Brocken und 224m über dem Beerberg, der grössten Höhe im Thüringerwalde, – diese zwei Umstände lassen sich nur unter Zuhilfenahme eines geschichtlichen Ereignisses erklären. Es ist diess die Entdeckung der Silbergruben bei Freiberg (1163) und bei Konradsgrün, wo jetzt Joachimsthal steht, im J. 1471. In einem Zeitraum von ungefähr 55 Jahren wurden 11 neue Bergstädte gegründet, nämlich: Schneeberg 1477, Annaberg 1496, Buchholz 1504, Joachimsthal 1516, Gottesgab, Eibenstock und Hochstadt 1517, Marienberg 1521, Scheibenberg 1522, Wiesenthal 1526 und Platten 1532. Bergbauunternehmer und Arbeiter strömten herbei; denn sie konnten nicht nur reiche Ausbeute und guten Lohn finden, die erlassene Bergordnung machte auch die Leibeigenen frei, sobald sie als Knappen aufgenommen wurden. Auf den Höhen des Erzgebirges wohnte die Freiheit. Noch nicht genug daran wurden die Bürger der Bergstädte von den Kaisern mit ausgedehnten Privilegien begnadigt. Diese Umstände genügen wohl, die rasche Ansiedelung auf einem rauhen Gebirge mitten im Urwalde zu erklären. Der Bergbau hat abgenommen, der Werth des Silbers ist sehr gesunken, und die Bevölkerung blieb aber doch auf den Bergen zurück. Das kann überraschen, denn es bildet eine Ausnahme von der Regel, welche wir aus den Beobachtungen ähnlicher Vorgänge an anderen Orten ableiten können. In Nordamerika verlief sich die Bevölkerung nach Ausbeute der Naphtaquellen und liess Dörfer und Städte leer stehen und die Häuser verfallen. In Peru und Chili beobachtete man eine ähnliche Erscheinung. Aus noch früherer Zeit lässt sich der ähnliche Vorgang in Spanien nachweisen. Auf den unwirthbaren Höhen des Erzgebirges blieb aber die dichte Ansiedelung zurück. Sie überdauerte alle Wechselfälle und ertrug schwere Zeiten der Noth. Sie musste wiederholt von einer Beschäftigung zur anderen übergehen. Nach Erschöpfung der Silbergruben warfen sich die Unternehmer und Arbeiter auf den Eisensteinbergbau und das Eisenhüttenwesen. Sie bauten Drahtmühlen, Blechhämmer, machten verzinnte Eisenlöffel, Nägel und Stifte. Als auch diese Gewerbe die Arbeit nicht mehr lohnten, wurde das Spitzenklöppeln eingeführt, und als alle Gewerbe stockten, zogen die musikkundigen Erzgebirgsbewohner aus und stellten Musikbanden für die Badeorte zusammen. Und so hausen sie auf den rauhen Höhen und bauen zu den alten Häusern aus Riegelwänden noch neue, festere Häuser aus Stein und Werkstätten und Fabriken und lassen sich von den rauhen Stürmen nicht fortwehen und von der Noth nicht wegdrängen. Was sie nur so festhält? Der Zug der Natur, welcher die Forelle in dem kristallhellen Gebirgsbache zurückhält und nicht in das trübe Flusswasser der Ebene herabschwimmen lässt. Das Heimweh allein ist's nicht. Die gesammte Bevölkerung zeichnet sich durch eine besondere Beweglichkeit des Geistes und eine vortreffliche Flinkheit und Eilfertigkeit des Leibes aus, was sie zu allen Künsten, zu allen Handwerken und Gewerben geschickt macht. In Folge dessen sind auf dem Erzgebirge eine ganze Reihe von Industrien im Schwunge: Bergbau, Eisengewerke, Gewehrfabrication, Löffel- und Messerschmiederei, Stahlwaarenerzeugung, Nadlerei, Porzellanfabrication, Spitzenklöppelei, Weiss- und Buntstickerei, Posamentierarbeiten, Handschuhmacherei, Strohflechterei, Musikinstrumentenfabrication, Spielwaarenerzeugung, Arbeiten in Papiermaché, Cartonerie, Chamotwaarenerzeugung u. s. w. Kaum eine zweite Gebirgsbevölkerung wechselt so leicht und anstellig die Arbeit und eignet sich das neue so leicht an, wie auf diesen Bergen, und dieser Anbequemung an die geänderten Verhältnisse haben sie es zu danken, dass sie die vielen Wechselfälle ihrer Geschichte in ungeschwächter Kraft auf den Bergen aushielten, an denen sie festhängen als ihrer geliebten Heimat, und zu welchen sie von ihren oft sehr weiten Flügen in die Fremde immer wieder sehnsüchtig zurückkehren.
»Bi weit rim kumma schie mei Labestoch,
Ich wor in Dorf und Stoodt, wass moncha Gegend za hassen,
ho viel gesah, wos 's Harz erfraia moch,
Mei Arzgebirg, mei Hamet ho ich net vergassen!«
Die Geschichte hat uns an diesen Bewohnern gezeigt, wie die Menschen zwölfhundert Meter über dem Meeresniveau wachsen und gedeihen. Allgemein bekannt ist es auch, dass der Erzgebirger höflich, gefällig und sehr genügsam ist. Seine Wohnung ist einfach und noch einfacher die Kost. Frohsinn, Verträglichkeit und grosse Liebe zur Reinlichkeit finden wir überall, was den Touristen ungemein anmuthet.
Das Mineralreich.
Das Mineralreich bietet auf dem Erzgebirge eine grössere Mannigfaltigkeit von Vorkommnissen als in den meisten anderen Gegenden Böhmens und Deutschlands. Wenn auch der Reichthum dieser Producte gegen den, welchen sie in vergangenen Jahrhunderten durch den Betrieb eines grossartig ausgedehnten Bergbaues spendeten, fast unbedeutend geworden ist, gegenwärtig grossentheils nur die historischen Erinnerungen und zahlreiche Halden, Pingen und andere verfallene Grubengebäude übrig sind: so ist doch das Vorhandene immer noch von hohem Interesse für die Wissenschaft.
Der ältere Bergbau war hauptsächlich auf Gewinnung von Silber und dann zunächst auf Kupfer, Zinn, Eisen und Blei gerichtet; erst später lernte man auch Kobalt und Wismuth kennen und benützen; die Verwendung des Braunsteines, des Nickels und des Urans gehört erst der neuesten Zeit an, welcher wahrscheinlich bei dem raschen Fortschritte der Naturwissenschaft und der Technik noch die Nutzbarmachung manches anderen Minerals vorbehalten ist, das jetzt unbeachtet auf den Halden liegt.
Von grösserer Wichtigkeit als der Gewinn an den genannten Metallen ist gegenwärtig der Kohlenbergbau, die Zugutemachung der Eisenkiese auf Schwefel, Vitriol und Schwefelsäure, und von besonderer Bedeutung auch die Benützung der Porzellanerde und des Feldspathes, welche hier mehrere der wichtigsten Industrie-Anstalten des Landes in's Leben gerufen haben.
Silberzechen finden sich zu Joachimsthal, Abertham, Holzbach, Arletzgrün, Breitenbach, Pechöfen, Streitseifen, Brettmühl, Zwittermühl, Gottesgab, Seifen und Weipert, dann bei Sangerberg am Tepler Gebirge.
Kupferbau wird am Eibenberge auf der Herrschaft Graslitz betrieben.