Den nächsten Tag ging der Gatte wieder hinaus Seehunde jagen. In seiner Abwesenheit hörte die Frau wieder etwas fallen und als sie hinausging, fand sie wieder einen Renntierschinken. Am Abend kam der Mann zurück und hatte einen Seehund erlegt. Er fragte: »Hast du noch Renntierfleisch?« »Ja!« erwiderte sie, »der Mann im Mond hat mir wieder welches gegeben.« Abends sah dann der Mann, wie sich die Lampen mit Öl füllten.
Als er am nächsten Tag wieder auf der Seehundsjagd war, erbeutete er einen anderen Seehund und brachte ihn nach Hause. Während er ihn zerlegte, sagte er zu seiner Frau: »Hier ist doch genug Seehundsfleisch, warum ißt du nicht davon? Ich selbst habs ja erlegt.« Die Frau hatte bisher nur Renntierfleisch gegessen, das ihr der Mann vom Mond gegeben hatte; jetzt verzehrte sie etwas vom Seehund ihres Mannes. Von dieser Zeit an fiel nie mehr Renntierfleisch vom Himmel und ihre Lampen füllten sich nicht mehr mit Fett. Bald wurde sie krank. Das Renntierfleisch war aus und sie starb. Auch ihr Kind starb. Der Übergang von Renntierfleisch zu Seehundsfleisch, während das Kind noch so klein war, war so schädlich gewesen, daß er den Tod des Kindes verursacht hatte.
Der Riese
In einer dunklen Winternacht lief eine Frau durch das Dorf Nikh-tua und hinaus in die verschneite Tundra. Sie floh vor ihrem Mann, dessen Grausamkeit ihr unerträglich geworden war. Die ganze Nacht hindurch und noch viele Tage wanderte sie nordwärts und machte um die Dörfer, in deren Nähe sie kam, einen Bogen, aus Furcht, entdeckt zu werden. Schließlich hatte sie schon alle Anzeichen menschlichen Lebens hinter sich und die Kälte wurde ärger und ärger. Ihr geringer Mundvorrat war verbraucht und um den Hunger zu stillen, begann sie Schnee zu essen. Eines Tags, als es schon Nacht wurde, war sie an einen so windigen Ort gekommen, daß sie gezwungen war, weiterzugehen. Schließlich sah sie etwas wie einen Hügel mit fünf Buckeln auf seinem Rücken vor sich, als sie näherkam, sah sie, daß er einem sehr großen Menschenfuß ähnelte. Nachdem sie den Schnee zwischen zwei Erhöhungen, die wie ungeheure Zehen aussahen, weggefegt, fand sie es warm und bequem da und schlief bis zum Morgen, wo sie dann aufbrach und bis zu einer vereinzelten Erhebung, die in der verschneiten Ebene erschien, weiterging. Diese erreichte sie bei Einbruch der Nacht und bemerkte, daß sie wie ein großes Knie geformt war. Sie fand einen geschützten Platz und blieb da, bis sie Morgens weiterging. Diesen Abend schützte sie für die Nacht ein Hügel, der einem großen Schenkel glich. Die nächste Nacht fand sie in einer runden, grubenartigen Vertiefung, um die herum verstreut Sträucher wuchsen, Schutz; als sie Morgens diesen Ort verließ, erschien er ihr wie ein großer Nabel.
Die nächste Nacht schlief sie in der Nähe zweier, wie enorme Brustmuskeln aussehender Hügel; die folgende Nacht fand sie eine geschützte, geräumige Höhlung, in der sie schlief. Als sie morgens gerade daran war von hier aufzubrechen, glaubte sie aus der Gegend, wo sie ihre Füße hatte, eine mächtige Stimme zu vernehmen: »Wer bist du? Was hat dich zu mir getrieben, zu dem menschliche Wesen niemals kommen?« Sie war sehr erschrocken, brachte es aber doch zustande, ihre traurige Geschichte zu erzählen und daraufhin sprach die Stimme wieder: »Gut, du kannst hier bleiben, aber du darfst nicht mehr in der Nähe meines Mundes oder meiner Lippen schlafen, denn wenn ich dich anhauchte, so würde ich dich wegblasen. Du mußt hungrig sein. Ich will dir etwas zu Essen verschaffen.«
Während sie wartete, fiel ihr plötzlich ein, daß sie fünf Tage über den Körper des Riesen Kin-äk gewandert war. Nun wurde der Himmel plötzlich finster und eine große schwarze Wolke kam langsam auf sie zu; wie sie näher war, sah sie, daß es die Hand des Riesen war, welche sich öffnete und ein frisch getötetes Renntier fallen ließ und die Stimme sagte ihr, sie solle davon essen. Rasch brach sie einiges Strauchholz, das überall herumwuchs, machte Feuer und aß gierig das gebratene Fleisch. Der Riese sagte wieder: »Ich weiß, du willst einen Platz, wo du bleiben kannst und da ist es am besten für dich, in meinen Bart zu gehen, dort, wo er am dichtesten wächst, maßen ich jetzt Atem holen will, um den angesammelten Reif, der mich quält, aus meinen Lungen zu bringen; geh also schnell!«
Sie hatte gerade noch Zeit in den Bart des Riesen hinunterzusteigen, als ein fürchterlicher Sturmwind über ihren Kopf dahinbrauste, begleitet von einem blendenden Schneesturm, der aber, nachdem er sich über die Tundra ausgebreitet, so rasch aufhörte, als er begonnen und mit einemmal wurde der Himmel wieder hell.
Den andern Tag sagte ihr Kin-äk, sie solle sich einen guten Platz suchen und aus seinen Barthaaren eine Hütte bauen. Sie sah sich um und wählte unweit seines Nasenloches, auf der linken Seite der Nase, eine Stelle und baute aus seinen Schnurrbarthaaren ihre Hütte. Hier lebte sie lange Zeit; der Riese half ihren Nöten ab, indem er seine große Hand ausstreckte und Renntiere und Seehunde oder was sie sonst immer zur Nahrung wollte, erbeutete. Aus Wolfsfellen, Fellen von braunen Vielfraßen und anderen befellten Tieren, die er für sie fing, machte sie sich selbst nette Kleider und bald hatte sie einen großen Vorrat von Fellen und Pelzen zurückgelegt.
Kin-äk fand mit der Zeit, daß sein Schnurrbart schütter werde, da sie die Haare als Feuerholz verwandte und er verbot ihr fürder, welche zu nehmen, aber er sagte, sie könne von den Haaren nehmen, die an der Seite des Gesichts wuchsen, wenn sie noch welche brauche. Lange Zeit verging so.
Eines Tages fragte sie Kin-äk, ob sie nicht nach Hause gehen wolle. »Ja«, sagte sie, »nur fürchte ich, mein Mann wird mich wieder schlagen und ich werde niemand haben, der mich beschützen wird.«