Der Hausherr lud nun Chun-uh-luk ein, ihm zu einem der Vorratsspeicher zu folgen; dort war eine große Menge wertvoller Pelze, Seehundsspeck und andere Speisen in Überfluß. Dann öffnete er die Türe des anderen Speichers und zeigte dem Ankömmling eine Menge erschlagener Leute. Der Hausherr erzählte nun, er habe sie aus Rache für den Tod seiner Eltern umgebracht, denn für ihn stände es fest, daß sie von diesen Leuten umgebracht worden waren und so habe er keinen lebend vorüberziehen lassen.

Als die Brüder zum Haus zurückkehrten, waren sie schläfrig und schliefen bis zum Morgen. Bei Tagesanbruch standen sie auf und nach dem Frühstück sagte der Hausherr zu Chun-uh-luk, er solle, da er weder Bogen noch Pfeile habe, zu Hause bleiben und für sie beide kochen, während er selbst auf die Jagd gehe. Er ging dann weg und kam in der Nacht zurück und brachte Renntierfleisch mit. Chun-uh-luk hatte das Essen fertig und nachdem sie gegessen, legten sie sich schlafen und schliefen gut. So lebten sie mehrere Tage, bis Chun-uh-luk dessen schon überdrüssig war, immer zu Hause zu bleiben und zu kochen.

Eines Morgens bat er seinen Bruder, er möchte doch gestatten, daß er mit auf die Jagd gehe; der schlug es aber ab und ging allein. Als er bald darauf einige Renntiere zu beschleichen begann, kam Chun-uh-luk heimlich nachgekrochen und packte ihn beim Fuß, damit sein Bruder, ohne daß das Wild aufgescheucht werde, wissen sollte, daß er da sei. Der Jäger wandte sich aber um und sagte ärgerlich: »Was willst du denn, daß du mir folgst? Du kannst doch ohne Pfeil und Bogen nichts erlegen.« »Mit meinen Händen allein kann ich das Wild umbringen«, sagte Chun-uh-luk; sein Bruder aber sagte spöttisch: »Geh nach Hause und besorge deine Kocherei!« Chun-uh-luk ging weg, aber statt nach Hause zu gehen, schlich er sich an eine Renntierherde heran und brachte zwei mit den Händen um, wie er es getan hatte, als er noch allein lebte. Dann stellte er sich auf und winkte seinem Bruder mit den Händen, er solle herbeikommen. Der kam und war sehr erstaunt, die beiden Renntiere zu sehen, denn er hatte mit seinen Pfeilen keines erlegt. Chun-uh-luk schulterte die beiden Tiere und trug sie nach Hause.

Mit finsterer Miene und Rachegedanken im Herzen folgte ihm sein Bruder, bis Eifersucht und Ärger alle freundschaftlichen Gefühle, die er für Chun-uh-luk hegte, verdrängt hatten; aber er hatte auch etwas Furcht, da er seinen Bruder so große Stärke beweisen gesehen hatte. Alle Abende saß er still und ärgerlich, rührte die ihm vorgesetzten Speisen kaum an, bis schließlich sein Argwohn und seine Rachegedanken in Chun-uh-luk die gleichen Gefühle erregten. So saßen sie die Nacht hindurch einander auflauernd und irgend einen Verrat fürchtend.

Der nächste Tag war ruhig und klar und der Hausherr fragte Chun-uh-luk, ob er einen Kajak rudern könne, worauf dieser entgegnete, er glaube, er werde es schon zustande bringen. Der Hausherr führte ihn nun zu den Kajaks an die Küste, bestieg den einen und sagte Chun-uh-luk, er möchte ihm in dem anderen folgen. Anfangs hatte Chun-uh-luk ziemliche Mühe, seinen Kajak aufrecht zu erhalten, aber bald hatte er es weg, ihn zu beherrschen und sie fuhren weit ins Meer hinaus. Als die Küste schon weit hinter ihnen lag, kehrten sie um und der Hausherr sagte: »Laß uns jetzt sehen, wer die Küste zuerst erreichen kann!« Leicht flogen die Kajaks dahin und zuerst schien der eine, dann der andere einen Vorsprung zu haben, bis sie schließlich mit einer letzten Anstrengung landeten und beide Wettkämpfer im selben Augenblick ans Land sprangen. Der Hausherr machte ein finsteres Gesicht und sagte zu Chun-uh-luk: »Du bist nicht mehr länger mein Bruder. Du, geh dorthin, ich werde dahin gehen.« Sie wandten einander den Rücken zu und trennten sich verärgert. Wie sie auseinandergingen, wurde Chun-uh-luk in einen braunen Vielfraß und sein Bruder in einen Grauwolf verwandelt und als solche wandern sie bis zum heutigen Tag im Land herum, aber niemals zusammen.

Der Wurm-Mensch

Vor sehr langer Zeit lebte ein großer Wurm, den eine Frau heiratete und beide hatten einen Sohn, der auch ein Wurm war. Als der Sohn erwachsen war, sagte ihm der Vater, er solle nach dem Mittelpunkt der Erdfläche gehen und dort werde er in einer kleinen Hütte ein Weib finden. Der Sohn machte sich mit Hilfe seiner Zauberkräfte klein, damit er rascher vorwärts komme und zog weg. Als er in die Nähe der Hütte, von der sein Vater ihm erzählt hatte, kam, fühlte er unter seinen Füßen die Erde wanken und zittern und fürchtete schon, er werde umkommen. Das wiederholte sich mehrmals, bis er das Haus erreichte. Da fand er, daß das Sprechen eines alten Weibes, das mit seiner Tochter im Haus wohnte, die Ursache der Erderschütterung war. Die Leute nahmen ihn gastfreundlich auf und da das Mädchen sehr hübsch war, heiratete er sie.

Nachdem er hier vier Jahre gelebt hatte, erinnerte er sich seiner Eltern und machte sich auf, sie zu besuchen. Unterwegs wurde er aber von einem anderen Wurm-Menschen, der ein Zauberer war, getötet.

Bald darauf fühlte auch sein Vater starke Sehnsucht nach seinem Sohn und brach auf, um ihn zu besuchen. Unterwegs fand er den Körper seines Sohnes und als er sich umsah, gewahrte er in der Nähe ein großes Dorf. Er ging zur Quelle, wo die Dorfbewohner ihr Wasser holten, machte sich klein und verbarg sich darin und vermittels seiner Zauberkünste brachte er aus Rache für den Tod seines Sohnes fast alle Bewohner um.

Als nur noch ein paar Leute übrig waren, bewirkte eine alte Frau aus dem Dorf, die wußte, daß irgend eine Zauberei gegen sie im Gange war, einen großen Zauber, demzufolge die See stieg, daß das Eis der Oberfläche zerbrach und es übers Land schwemmte, bis die Quelle zugedeckt war; dann zerschellten die Eisblöcke aneinander bis der Wurm-Mensch in Stücke zerrieben und vernichtet war, so daß die Leute von seinem Zauber erlöst waren.