Lord Grey. [Hoch] erhaben über die bis jetzt angeführten Verbannten war Ford Grey, Lord Grey von Mark. Er war ein eifriger Exclusionist gewesen, hatte Antheil an dem Insurrectionsplane gehabt und war in den Tower gesperrt worden, wo es ihm jedoch gelang, seine Wächter betrunken zu machen und auf das Festland zu entkommen. Er besaß hervorragende Talente und gewinnende Manieren, aber ein großes häusliches Verbrechen warf einen Flecken auf sein Leben. Seine Gattin war eine Tochter des edlen Hauses Berkeley, und ihre Schwester, Lady Henriette Berkeley, durfte mit ihm, als mit einem Blutsverwandten, verkehren und correspondiren. So entstand eine verhängnißvolle Zuneigung. Der lebhafte Geist und die heftige Leidenschaft der Lady Henriette durchbrach alle Schranken der Tugend und Schicklichkeit und eine skandalöse Entführung enthüllte dem ganzen Königreiche die Schande zweier vornehmen Familien. Grey nebst einigen von den Helfershelfern, die ihm bei seinem Liebeshandel gedient hatten, wurden unter der Anklage einer Verbindung zu gesetzwidrigem Zwecke vor Gericht gestellt und es ereignete sich vor den Schranken der Kings Bench eine in den Annalen unsrer Justiz ohne Beispiel dastehende Scene. Der Verführer erschien mit frecher Stirn in Begleitung seiner Geliebten, und selbst in diesem unerhörten Falle wichen die großen whiggistischen Lords nicht von der Seite ihres Freundes. Die, welche er beleidigt, standen ihm gegenüber und wurden durch seinen Anblick zu Zornesausbrüchen gereizt. Der alte Earl von Berkeley überhäufte die unglückliche Henriette mit Vorwürfen und Verwünschungen. Die Gräfin gab unter häufigem Schluchzen ihre Zeugenaussage ab und fiel endlich in Ohnmacht. Die Geschwornen sprachen das „Schuldig“ aus. Als der Gerichtshof die Sitzung aufhob, forderte Lord Berkeley alle seine Freunde auf, daß sie ihm beistehen möchten, seine Tochter zu ergreifen; die Anhänger Grey’s schaarten sich um Letztere, auf beiden Seiten wurden Schwerter gezuckt, es entspann sich ein Gefecht in Westminster Hall und nur mit Mühe gelang es den Richtern und Gerichtsdienern, die Streitenden zu trennen. In unsrer Zeit würde ein solcher Prozeß den Ruf eines der Öffentlichkeit angehörenden Mannes schänden; damals aber war der Maßstab der Moralität unter den Großen so niedrig und die Parteiwuth so heftig, daß Grey nach wie vor bedeutenden Einfluß hatte, wenn auch die Puritaner, welche einen ansehnlichen Theil der Whigpartei bildeten, ihm mit einiger Kälte begegneten.[7]
Eine Seite von dem Character, oder man sollte vielleicht eher sagen von dem Schicksale Grey’s verdient besondere Erwähnung: man mußte zugestehen, daß er überall, auf dem Schlachtfelde ausgenommen, einen hohen Grad von Muth bewies. Mehr als einmal zwang sein würdevolles Benehmen und die vollkommene Beherrschung aller seiner Fähigkeiten in schwierigen Lagen, wo sein Leben und seine Freiheit auf dem Spiele standen, selbst Diejenigen zu lobender Anerkennung, die ihn weder liebten noch achteten. Als Soldat jedoch zog er sich, vielleicht weniger durch eigne Schuld als durch unglücklichen Zufall den entehrenden Vorwurf persönlicher Feigheit zu.
[7.] Grey’s Narrative; sein Prozeß in der Collection of State Trials; Sprat’s True Account.
Monmouth. [In] dieser Beziehung war er ganz verschieden von seinem Freunde, dem Herzoge von Monmouth. Monmouth war tapfer und unerschrocken auf dem Schlachtfelde, sonst aber überall weibisch und zaghaft. Seine Geburt, sein persönlicher Muth und sein einnehmendes Äußere hatten ihm eine Stellung verschafft, für die er sich durchaus nicht eignete. Nachdem er den Untergang der Partei, deren nominelles Oberhaupt er gewesen war, mit angesehen, hatte er sich nach Holland zurückgezogen. Der Prinz und die Prinzessin von Oranien erblickten nicht mehr einen Nebenbuhler ihn ihm, und sie gewährten ihm daher eine gastliche Aufnahme, denn sie hofften, sich durch freundliche Behandlung des Herzogs Anspruch auf den Dank seines Vaters zu erwerben. Sie wußten, daß die väterliche Zuneigung noch nicht erloschen war, daß Monmouth noch immer im Geheimen Geldunterstützungen von Whitehall erhielt und daß Karl es sehr ungnädig aufnahm, wenn Jemand von seinem Sohne Übles sprach, in der Hoffnung, sich dadurch bei ihm beliebt zu machen. Man hatte den Herzog in der Erwartung bestärkt, daß er, wenn anders er keine neue Veranlassung zu Mißfallen gab, bald in sein Vaterland zurückgerufen und in alle seine Ehrenstellen und Befehlshaberposten wieder eingesetzt werden würde. Von solchen Erwartungen beseelt, war er während des verflossenen Winters der Lebensnerv des Haags gewesen. Auf einer Reihe von Bällen in dem prächtigen Oraniensaale, dessen Wände in dem herrlichsten Farbenreichthum eines Jordaens und Hondthorst prangen, hatte er die hervorragendste Figur gespielt.[8] Er hatte die holländischen Damen mit dem englischen Contretanz bekannt gemacht und seinerseits von ihnen auf den Kanälen Schlittschuh laufen gelernt. Die Prinzessin hatte ihn bei seinen Ausflügen auf dem Eise begleitet, und es hatte oft die Verwunderung und die Heiterkeit der auswärtigen Gesandten erregt, wenn sie dort, in kürzeren Röcken, als sie in der Regel von so vornehmen, das strengste Decorum beobachtenden Damen getragen wurden, auf einem Beine dahinglitt. Der Einfluß des bezaubernden Engländers schien den düstern Ernst, der den Hof des Statthalters characterisirte, verscheucht zu haben, und selbst der finstre, gedankenvolle Wilhelm wurde heiterer gestimmt, wenn sein glänzender Gast erschien.[9]
Inzwischen vermied Monmouth sorgfältig Alles, was an dem Orte, von woher er Schutz erwartete, Anstoß erregen konnte. Er verkehrte überhaupt mit wenigen Whigs und gar nicht mit den heftigen Männern, welche in den schlimmsten Theil des Whigcomplots verwickelt gewesen waren. Daher beschuldigten ihn seine ehemaligen Gesinnungsgenossen laut der Unbeständigkeit und Undankbarkeit.[10]
[8.] In der Pepys’schen Sammlung befindet sich ein Kupferstich, der einen der Bälle darstellt, welche zu jener Zeit von Wilhelm und Marien im „Oranje Zaal“ gegeben wurden.
[9.] Avaux Neg. Jan. 25. 1685. Brief von Jakob an die Prinzessin von Oranien vom Januar 1684/85, unter Birch’s Auszügen im Britischen Museum.
[10.] Grey’s Narrative; Wade’s Confession, Lansdowne M.S. 1152.
Ferguson. [Von] keinem der Verbannten wurde diese Anklage mit größerer Heftigkeit und Bitterkeit erhoben, als von Robert Ferguson, dem Judas in Dryden’s großer Satire. Ferguson war ein Schotte von Geburt, aber er hatte lange in England gelebt. Zur Zeit der Restauration bekleidete er eine Pfarrstelle in Kent. Er war als Presbyterianer erzogen, die Presbyterianer aber hatten ihn aus ihrer Mitte gestoßen und er war zu den Independenten übergegangen. Dann war er Vorsteher einer von den Dissenters in Islington errichteten Akademie gewesen, welche mit der Westminsterschule und dem Charterhouse concurriren sollte, und hatte bei einer Versammlung in Moorfields vor einem großen Zuhörerkreise gepredigt. Auch hatte er einige theologische Abhandlungen geschrieben, die sich vielleicht noch in den staubigen Winkeln einiger alten Bibliotheken finden; aber obgleich er beständig Bibelstellen im Munde führte, so überzeugte sich doch Jeder, der in Geldangelegenheiten mit ihm zu thun bekam, sehr bald, daß er nichts als ein Schwindler war.
Endlich entzog er der Theologie fast ganz seine Aufmerksamkeit, um sie dem schlechtesten Theile der Politik zuzuwenden. Er gehörte zu der Klasse, die ein Geschäft daraus machen, erbitterten Parteien in unruhigen Zeiten Dienste zu leisten, vor denen der Rechtschaffene aus Abscheu, der Kluge aus Furcht zurückschreckt, zur Klasse der fanatischen Schurken. Er war heftig, bösartig, unempfänglich für die Wahrheit, ohne Gefühl für die Schande, von unersättlicher Ruhmsucht erfüllt, fand an Intriguen, Aufruhr und Unheil lediglich um ihrer selbst willen Vergnügen und arbeitete viele Jahre in den dunkelsten Minen des Parteiwesens. Er lebte unter Pasquillanten und falschen Zeugen, verwaltete eine geheime Kasse, aus welcher Agenten besoldet wurden, die zu schlecht waren, als daß man sie hätte anerkennen dürfen, und war Vorsteher einer geheimen Druckerei, aus der fast täglich anonyme Pamphlets hervorgingen. Er rühmte sich, daß er Schmähschriften um die Terrasse von Windsor herum ausgestreut und selbst unter das Kopfkissen des Königs gebracht habe. Bei solcher Lebensweise mußte er zu allerhand Listen seine Zuflucht nehmen, mußte mehrere Namen führen und hatte einmal in vier verschiedenen Stadttheilen Londons vier verschiedene Wohnungen. Bei dem Ryehousecomplot war er stark betheiligt und man hat Grund zu der Vermuthung, daß er der erste Urheber der blutigen Anschläge war, welche die ganze Whigpartei so sehr in Mißcredit brachten. Als die Verschwörung entdeckt war und seinen Genossen bange wurde, nahm er lachend Abschied von ihnen, indem er ihnen sagte, sie wären Neulinge, er sei an Flucht, Verstecke und Verkleidung gewöhnt und werde Zeit seines Lebens nie aufhören, zu conspiriren. Er entkam auf den Continent, aber selbst dort schien er nicht sicher zu sein. Die englischen Gesandten an den auswärtigen Höfen waren angewiesen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben, und die Regierung versprach Demjenigen, der ihn ergreifen würde, eine Belohnung von fünfhundert Pistolen. Es war ihm auch nicht leicht, unbemerkt zu bleiben, denn sein breiter schottischer Accent, seine lange und hagere Gestalt, seine hohlen Wangen, seine beständig von der Perrücke beschatteten stechenden Augen, sein von einem Hautausschlage geröthetes Gesicht, sein gekrümmter Rücken und sein eigenthümlich wiegender Gang machten ihn überall, wo er sich zeigte, zu einer auffallenden Erscheinung. Aber obgleich er anscheinend mit ganz besondrem Eifer verfolgt wurde, so raunte man sich doch im Stillen zu, daß dieser Eifer eben nur scheinbar sei und daß die Gerichtsbeamten geheimen Befehl hätten, ihn nicht zu sehen. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß er wirklich ein erbitterter Unzufriedener war, aber man hat starken Grund, zu vermuthen, er habe für seine Sicherheit dadurch gesorgt, daß er in Whitehall vorgab, ein Spion gegen die Whigs zu sein und daß er der Regierung eben nur so viele Mittheilungen zukommen ließ, als zur Aufrechterhaltung seines Credits genügten. Diese Annahme erklärt auf die einfachste Weise das, was seinen Gesinnungsgenossen als eine unnatürliche Sorglosigkeit und Tollkühnheit erschien. Da ihm selbst nichts geschehen konnte, stimmte er jedesmal für den gewaltthätigsten und gefährlichsten Weg und lächelte mitleidig über den Kleinmuth von Männern, welche die schmachvolle Vorsichtsmaßregel, auf die er sich verließ, nicht getroffen hatten, und die sich daher zweimal besannen, ehe sie ihr Leben und Alles, was ihnen noch theurer war als das Leben, auf eine Karte setzten.[11]