Schottische Flüchtlinge. [Die] englischen Verbannten empfingen ihn mit großer Freude und erkannten ihn einhellig als ihr Oberhaupt an. Allein es gab noch eine andre Klasse von Emigranten, welche nicht gemeint waren, seinen Befehlen zu gehorchen. Regierungsfehler, wie der südliche Theil unsrer Insel sie nie gekannt, hatte viele Flüchtlinge, deren maßloser politischer und religiöser Eifer im Verhältniß zu den Bedrückungen stand, die sie erduldet, aus Schottland auf den Continent getrieben. Diese Männer aber hatten keine Lust, einem englischen Anführer zu folgen. Ihr engherziger Nationalstolz verleugnete sich selbst in Armuth und Verbannung nicht, und sie wollten es nicht zugeben, daß ihr Vaterland in ihrer Person zu einer Provinz erniedrigt würde.

Der Earl von Argyle. [Sie] hatten einen eignen Anführer in ihren Reihen: Archibald, neunten Earl von Argyle, der als Oberhaupt des großen Stammes der Campbell bei der Bevölkerung der Hochlande unter dem stolzen Namen Mac Callum More bekannt war. Sein Vater, der Marquis von Argyle, war das Haupt der schottischen Covenanters gewesen, hatte viel zum Sturze Karl’s I. beigetragen, und die Royalisten waren der Meinung, daß er dieses Verbrechen dadurch noch nicht gesühnt habe, daß er seine Einwilligung dazu gab, Karl II. den leeren Königstitel und ein Staatsgefängniß in der Form eines Palastes zu gewähren. Nach der Rückkehr der königlichen Familie wurde der Marquis hingerichtet und sein Marquisat erlosch, aber sein Sohn erhielt die Erlaubniß, das alte Earlthum zu erben, und er gehörte so noch immer zu dem höchsten Adel Schottlands. Die politische Haltung des Earl während der zwanzig Jahre, welche auf die Restauration folgten, war, wie er später meinte, sündlich gemäßigt gewesen. Zwar hatte er in einigen Fällen der Regierung, unter deren Joch sein Vaterland seufzte, opponirt; aber sein Widerstand war schwach und vorsichtig gewesen. Seine Nachgiebigkeit in kirchlichen Dingen hatte strenge Presbyterianer verdrossen, und er war so weit entfernt gewesen, irgend eine Neigung zu gewaltsamem Widerstand zu zeigen, daß, als die Covenanters durch Verfolgung zum Aufstande getrieben wurden, er eine starke Truppe von Unterthanen ins Feld stellte, um die Regierung zu unterstützen.

Dies war seine politische Laufbahn gewesen, bis der Herzog von York, mit der ganzen Autorität eines Königs bekleidet, nach Edinburg kam. Der despotische Vicekönig überzeugte sich bald, daß er von Argyle keine ungetheilte Unterstützung zu erwarten hatte. Da der mächtigste Edelmann des Königreichs nicht gewonnen werden konnte, hielt man es für nöthig, ihn aus dem Wege zu räumen. Zu dem Ende wurde er auf Verdachtgründe hin, welche so unhaltbar waren, daß der Geist der Parteilichkeit und Chikane selbst sich ihrer schämte, wegen Hochverraths in Untersuchung gezogen, überführt und zum Tode verurtheilt. Die Anhänger der Stuarts versicherten später, man habe nie beabsichtigt, dieses Urtheil zu vollziehen, und die Anklage habe nur den Zweck gehabt, um ihn durch die Angst zur Abtretung seiner ausgedehnten Jurisdiction in den Hochlanden zu bewegen. Es läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, ob Jakob, wie seine Feinde argwöhnten, die Absicht hatte, einen Mord zu begehen, oder nur, wie seine Freunde behaupteten, durch die Androhung eines Mordes ein Zugeständniß zu erpressen. „Ich kenne das schottische Recht nicht“, sagte Halifax zum König Karl; „soviel aber weiß ich, daß wir hier in England aus Gründen wie die, auf welche hin Mylord Argyle verurtheilt worden ist, keinen Hund hängen würden[16].“

Argyle entkam verkleidet nach England und begab sich von da nach Friesland. In dieser entlegenen Provinz hatte sein Vater ein kleines Gut gekauft, das der Familie in bürgerlichen Unruhen als Zufluchtsort dienen sollte. Unter den Schotten hieß es, daß dieser Ankauf in Folge der Prophezeiung eines celtischen Sehers geschehen sei, dem die Offenbarung geworden, daß Mac Callum More dereinst von seinem alten Stammsitze in Inverary vertrieben werden würde[17]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der kluge Marquis mehr durch die Zeichen der Zeit als durch die Visionen eines Propheten gewarnt wurde. In Friesland lebte Earl Archibald einige Zeit so ruhig, daß es nicht allgemein bekannt wurde, wohin er geflohen war. Er unterhielt an seinem Zufluchtsorte einen regelmäßigen Briefwechsel mit seinen Freunden in Großbritannien, nahm Theil an der Whigverschwörung und entwarf mit den Oberhäuptern dieser Verschwörung den Plan zu einem Einfall in Schottland[18]. In Folge der Entdeckung des Ryehousecomplots gab er diesen Plan auf; nach der Erledigung der Krone aber wurde derselbe wieder ein Gegenstand seines Nachdenkens.

Während seines Aufenthalts auf dem Continent hatte er über religiöse Fragen mehr nachgedacht, als in den vergangenen Jahren seines Lebens. Dieses Nachdenken hatte in einer Beziehung verderblich auf seinen Geist eingewirkt. Seine Vorliebe für die synodalische Form der Kirchenverfassung stieg jetzt bis zur Bigotterie. Wenn er bedachte, wie lange er sich dem eingeführten Gottesdienste unterworfen hatte, ward er von Scham und Reue ergriffen und zeigte sich nur zu sehr geneigt, seine Abtrünnigkeit durch Gewaltschritte und Unduldsamkeit wieder gut zu machen. Bald fand er indeß Gelegenheit zu beweisen, daß seine Furcht vor einer höheren Macht und seine Liebe zu derselben ihn zu den furchtbarsten Kämpfen gestählt hatte, durch welche die menschliche Natur geprüft werden kann.

Für seine Leidensgefährten war sein Beistand vom höchsten Gewicht. Obgleich geächtet und geflüchtet, war er doch in gewissem Sinne noch der mächtigste Unterthan des britischen Reiches. An Reichthum stand er wahrscheinlich, selbst vor seiner Verurtheilung, nicht nur dem hohen englischen Adel, sondern auch manchem begüterten Squire von Kent und Norfolk nach. Aber sein patriarchalisches Ansehen, ein Ansehen, das kein Reichthum geben und keine Verurteilung entziehen konnte, machte ihn als Oberhaupt eines Aufstandes wahrhaft furchtbar. Kein südlicher Lord hätte darauf rechnen können, daß wenn er es wagen würde, sich der Regierung zu widersetzen, auch nur seine Wildhüter und Jäger treu zu ihm gestanden wären. Ein Earl von Bedford oder ein Earl von Devonshire konnte sich nicht anheischig machen, zehn Mann ins Feld zu stellen. Mac Callum More dagegen konnte, obgleich ohne Mittel und seines Earlthums beraubt, jeden Augenblick einen ernsten Bürgerkrieg hervorrufen. Er brauchte sich nur auf der Küste von Lorn zu zeigen und binnen wenigen Tagen hatte er eine Armee um sich versammelt. Die bewaffnete Macht, die er unter günstigen Verhältnissen ins Feld stellen konnte, belief sich auf fünftausend Streiter, die ihm unbedingt gehorchten, an den Gebrauch des Schildes und des breiten Schwertes gewöhnt waren, einen Kampf mit regulären Truppen selbst im offenen Felde nicht scheuten und solchen Truppen vielleicht in den Eigenschaften überlegen waren, welche zur Vertheidigung in Nebel gehüllter und von reißenden Gießbächen zerklüfteter rauher Gebirgspässe erforderlich sind. Was eine solche Macht bei umsichtiger Leitung selbst gegen kriegserfahrene Regimenter und geschickte Anführer auszurichten vermochte, das zeigte sich wenige Jahre später bei Killiecrankie.

[16.] Prozeß gegen Argyle in der Collection of State Trials; Burnet, I. 521; A true and plain Account of the Discoveries made in Scotland, 1684; The Scotch Mist cleared; Sir George Mackenzie’s Vindication; Lord Fonntainhall’s Chronological Notes.

[17.] Untersuchung gegen Robert Smith im Anhange zu Sprat’s True Account.

[18.] True and plain Account of the Discoveries made in Scotland.

Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane. [So] großen Anspruch aber auch Argyle auf das Vertrauen der verbannten Schotten hatte, gab es doch eine Partei unter ihnen, die ihn nicht mit wohlwollendem Auge betrachtete und sich nur seines Namens und seines Einflusses bedienen wollte, ohne ihn mit einer wirklichen Gewalt zu betrauen. Das Oberhaupt dieser Partei war ein Edelmann aus dem schottischen Niederlande, der in das Whigcomplot verwickelt gewesen und nur mit Mühe der Rache des Hofes entgangen war: Sir Patrick Hume, von Polwart in Berwickshire. Gegen seine Rechtschaffenheit sind starke Zweifel erhoben worden, aber ohne haltbaren Grund. Soviel kann man jedoch nicht in Abrede stellen, daß er seiner Sache durch Verkehrtheit eben so viel schadete, als es durch Verrath hätte geschehen können. Er war eben so unfähig zum Führen wie zum Folgen, eingebildet, streitsüchtig und launenhaft, ein endloser Schwätzer, zaghaft und langsam bei Unternehmungen gegen den Feind, und nur thätig gegen seine eigenen Verbündeten. Mit Hume eng verbunden war ein andrer schottischer Verbannter von hohem Ansehen, der viele von den nämlichen Fehlern hatte, wenn auch nicht in gleichem Grade: Sir Johann Cochrane, zweiter Sohn des Earl von Dundonald.