[50.] Meine Schilderung des Landadels des 17. Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als daß ich sie hier anführen könnte. Ich muß daher meine hier angesprochenen Ansichten der Beurtheilung Derer überlassen, welche die Geschichte und die leichtere Literatur jener Zeit studirt haben.
Die Geistlichkeit. [Die] Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder wichtiger Stand. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Geistliche als Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptsächlichste Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwärtig. King schätzte die Gesammteinkünfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jährlich, Davenant auf fünfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwärtig übersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schätzung in gleichem Verhältnisse gestiegen, und daraus folgt, daß die Pfarrer und ihre Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im siebzehnten Jahrhunderte viel ärmer gewesen sein müssen, als im neunzehnten.
Die gesellschaftliche Stellung des Geistlichen war durch die Reformation völlig verändert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die Geistlichen die Majorität im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie übertrafen diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die höchsten Staatsämter, der Lordschatzmeister war häufig ein Bischof, der Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der Staatsarchivar waren ebenfalls gewöhnlich Priester, Diener der Kirche versahen die wichtigsten diplomatischen Geschäfte, kurz, man war der Ansicht, daß der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen Führung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Männer, welche dem Lagerleben abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zählte unter ihnen Söhne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die Klöster bezogen die Einkünfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwärtig in den Händen von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich’s VIII. war daher kein Beruf so lockend für ehrgeizige und habsüchtige Charactere, als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Veränderung ein. Die Abschaffung der Klöster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den größten Theil ihres Reichthums und das Übergewicht im Oberhause des Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading saß mehr unter den Peers und bezog Einkünfte, welche denen eines mächtigen Earl gleichkamen. Die fürstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. Überdies hatte der Clerus auch den Einfluß verloren, der die natürliche Folge der Überlegenheit an geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man sogleich, daß er dem geistlichen Stande angehöre; zu einer Zeit aber, welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es nicht mehr nöthig, Prälaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit sie Verträge abschlössen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehört, eine nothwendige Bedingung zur Übernahme hoher Staatsämter zu sein, sondern er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu unfähig machte. Die weltlichen Beweggründe, welche früher so viele intelligente, strebsame und vornehme junge Männer bestimmt hatten, das Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu seinem Unterhalt für nöthig erachtete. Es gab zwar noch einträgliche Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die reichsten erschienen dürftig im Vergleich mit dem Glanze, der früher die Fürsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal führten, mußte Denen ärmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht Wolsey’s, seiner Paläste, Whitehall und Hampton Court, welche die Lieblingswohnungen der Könige geworden waren, der drei glänzenden Tafeln, welche täglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der vierundvierzig prachtvollen Chorröcke, die in seiner Kapelle hingen, der kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitäxte seiner Leibwächter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine Anziehungskraft für die höheren Klassen, und während des ganzen Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth sah man kaum einen einzigen Jüngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand treten. Zu Ende der Regierung Karl’s II. gab es zwei Bischöfe und vier oder fünf Geistliche mit einträglichen Stellen, welche Peerssöhne waren; aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Mißcredit nicht, der auf dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht viel mehr als Hausdiener waren. Ein großer Theil von denjenigen, welche keine Pfründen hatten oder deren Pfründen zu gering waren, um ein anständiges Auskommen zu gewähren, lebte in den Häusern von Laien. Daß diese Sitte die Würde des geistlichen Standes untergraben mußte, hatte man schon längst erkannt; Laud hatte sich bemüht, eine Änderung herbeizuführen und Karl I. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste anbefohlen, daß es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet werden solle, Hauskaplane zu halten.[51] Aber diese Verordnungen wurden nicht mehr befolgt. Während der Herrschaft der Puritaner konnten auch wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der Monarchie und des Episcopats. In den Häusern freisinniger und gebildeter Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anständig behandelt, seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden als reichliche Gegenleistung für die ihm gewährte Kost, Wohnung und Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es für ein nothwendiges Attribut seiner Würde, daß ein Priester in vollem Ornate an seiner Tafel das Tischgebet sprach und wußte es so einzurichten, daß er die Würde mit Sparsamkeit vereinigte. Für Kost, ein Dachstübchen und zehn Pfund Sterling jährlich war ein junger Levit — dies war die damals übliche Benennung — zu haben, und dafür mußte er nicht nur seine amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhörer abgeben, bei schönem Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe für einen Gärtner oder einen Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwürdige Mann die Obstbäume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn Meilen weit über Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber man erwartete von ihm, daß er sich mit der einfachsten Kost begnügte; er durfte sich seinen Teller mit Pökelfleisch und Möhren füllen so oft er wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott für eine Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.[52]
Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung, die sein Auskommen sicherte; aber oft mußte er dieses Glück durch eine Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spöttern reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebräuchlich, daß er mit der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewöhnlich bei seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glück sagen, wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu reichem Maße besessen zu haben. Der Character der ehelichen Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schließen pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode Karl’s II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur über die Geringschätzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf den Pfarrer herabsahen, sondern auch darüber, daß man jedes junge Mädchen aus anständiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und daß eine junge Dame durch Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie durch eine unerlaubte Liebe.[53] Clarendon, der gewiß der Kirche nicht feind war, erwähnt es als einen Beweis von der durch die große Revolution herbeigeführten Verschmelzung der verschiedenen Stände, daß einige junge adelige Fräulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.[54] Ein Kammermädchen wurde gewöhnlich als die geeignetste Lebensgefährtin für einen Pfarrer betrachtet. Die Königin Elisabeth selbst hatte dieses Vorurtheil gewissermaßen förmlich sanctionirt durch die specielle Verordnung, daß kein Geistlicher sich erlauben dürfe, ein Dienstmädchen ohne Erlaubniß ihrer Herrschaft zu heirathen.[55] Daher waren denn mehrere Generationen hindurch die Liebesverhältnisse zwischen Geistlichen und Dienstmädchen ein unerschöpfliches Thema für Scherz und Spott, und es dürfte nicht leicht sein, in den Theaterstücken des siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, daß ein Geistlicher eine Frau bekommt, die sich über den Rang einer Köchin erhebt.[56] Selbst noch unter der Regierung Georg’s II. bemerkte ein Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der Sitten seiner Zeit, daß in reichen Häusern der Kaplan der letzte Trost für eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr habe, den Hausverwalter zu kapern.[57]
In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung, daß er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel eintrug, daß er mit seiner Familie anständig leben konnte. In dem Maße als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das Haus des Pfarrers ein; die Löcher im Dache seines Presbyteriums und in seinem einzigen Rocke wurden immer größer und zahlreicher; oft mußte er durch Handarbeit auf dem Felde, durch Füttern der Schweine oder durch Auf- und Abladen von Düngerkarren sein tägliches Brod verdienen und selbst die äußerste Anstrengung schützte ihn nicht immer davor, daß der Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag für ihn, wenn er in die Küche eines vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung als die der benachbarten Landleute; die Söhne mußten den Acker pflügen und die Töchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmöglich, denn die Summe, für welche das Patronatrecht seines Amtes hätte verkauft werden können, würde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek hingereicht haben; er mußte sich daher schon überaus glücklich schätzen, wenn er auf seinem Regale zwischen den Töpfen und Schüsseln etwa ein Dutzend alter Bücher stehen hatte. In einer so ärmlichen Lage mußte auch ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.
Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen, die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich in einigen Städten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu erwerben und die Verstandeskräfte durch häufige Übung auszubilden, in Überfluß vorhanden waren.[58] An solchen Orten fand man Theologen, welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntniß der Literatur, der Wissenschaft und des Lebens befähigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines frivolen und weltlichen Zuhörerkreises zu fesseln, öffentliche Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschäftigten sich damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere waren in der Auslegung der Bibel gründlich bewandert; noch Andere verbreiteten Licht über die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte. Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, daß ihre Vorträge noch heute mit vollem Rechte für Muster des Styls gelten. Diese ausgezeichneten Männer fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den Universitäten, an den großen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow war kürzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man überhaupt stets wie von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter Männer besetzt, unter denen man auch einen großen Theil der Hauptwürdenträger der Kirche wählte. Sherlock predigte im Temple, Tillotson in Lincoln’s Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray’s Inn, Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate, Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St. Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwölf Männern, die sich sämmtlich einen berühmten Namen in der Kirchengeschichte gemacht haben, wurden zehn Bischöfe und vier von diesen zehn Erzbischöfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen Werke, welche von einem Landgeistlichen herrührten, die von Georg Bull, der später Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke würde Bull schwerlich zu Stande gebracht haben, hätte er nicht ein Gut geerbt, dessen Verkauf ihm die Mittel gewährte, sich eine Bibliothek anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher in England besaß.[59]
So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche für die Städte und Höfe herangebildet war, enthielt Männer, welche gründliche Kenntniß der alten und neuen Wissenschaften besaßen; Männer, welche fähig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der Polemik aufzutreten; Männer, welche in ihren Kanzelreden die Schönheit und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so kräftiger Sprache zu schildern verstanden, daß selbst der gleichgültige Karl II. ihnen aufmerksam zuhörte und der übermüthige Buckingham zu hohnlächeln vergaß; Männer, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren und ihre Weltkenntniß befähigte, die Gewissensräthe der Reichen und Adeligen zu sein; Männer, mit denen Halifax gern über das Wohl und Wehe der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen zu gestehen, schreiben gelernt hatte.[60] Der andren Klasse war ein bescheideneres und härteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande zerstreut und bestand größtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pächter oder höhere Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben nur kärglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Höherem zu bringen, das Gefühl der Amtswürde am stärksten. Unter den Theologen, welche der Stolz der Universitäten und die Freude der Hauptstadt waren, und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaßen oder doch gegründete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl nach sehr bedeutende Partei von höchst ehrenwerthem Character, die sich zu den constitutionellen Regierungsgrundsätzen hinneigte. Diese Partei lebte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit Presbyterianern, Independenten und Baptisten, sie würde gern allen protestantischen Secten die unbeschränkteste Duldung gewährt und selbst einige Änderungen in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen Nonconformisten auszusöhnen. Von solcher Toleranz und Mäßigung aber wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und Batist. Gerade das Bewußtsein, daß er sich in Bezug auf seine gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor denen er predigte, war der Grund, warum er einen übertrieben hohen Werth auf die geistliche Würde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung gab. Da er in beständiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mündliche Unterredungen seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren von dem unveräußerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der Nachbarschaft haßte er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts willen, das er ihnen zugefügt und fand an den Fünfmeilen-[61] und der Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als daß diese verhaßten Gesetzte nicht schärfer wären. Den ganzen Einfluß, den seine amtliche Stellung ihm verlieh, und dieser Einfluß war sehr groß, verwendete er mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man würde sehr irren, wollte man glauben, daß die Macht des Klerus damals geringer war als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des Gutsherrn bewerben durfte, weil er in höheren Gesellschaftszirkeln keinen Zutritt hatte und man es ihm überließ, mit den Dienstleuten zu trinken und zu rauchen. Der Einfluß einer ganzen Klasse richtet sich keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein Kardinal ist gewiß ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmönch, aber es würde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, daß das Kardinalscollegium deshalb eine größere Herrschaft über die öffentliche Meinung in Europa ausgeübt, als zum Beispiel der Franziskanerorden. In Irland steht gegenwärtig ein Peer weit höher im Ansehen als ein römisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon tragen würde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel für einen großen Theil der Bevölkerung das, was heutzutage die periodische Presse ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein, jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwöchentlich sprach er einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder wichtigen Gelegenheit ertönten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher Zeit heftige Schmähungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflösung des Oxforder Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen, scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.
[51.] Heylin’s Cyprianus Anglicus.
[52.] Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy; Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the University; Tatler, 255, 258. Auch in den Reisen des Großherzogs Cosmus, Anhang A, wird gesagt, daß die englische Geistlichkeit eine „niedrig geborene“ Klasse sei.
[53.] A causidico, medicastro, ipsaque artificum farragine, ecclesiae rector aut vicarius contemnitur et fit ludibrio. Gentis et familiae nitor sacris ordinibus pollutus censetur: foeminisque natalitio insignibus unicum inculcatur saepius praeceptum, ne modestiae naufragium, faciant, aut, (quod idem auribus tam delicatulis sonat) ne clerico se nuptas dari patiantur. — Angliae Notitia von T. Wood am New-College, Oxford 1686.