Einleitung. [In] diesem Kapitel gedenke ich eine Schilderung des Zustandes zu geben, in welchem sich England zu der Zeit befand, als die Krone von Karl II. auf seinen Bruder überging. Eine solche Schilderung kann allerdings nur sehr unvollkommen sein, da sie aus spärlichem und zerstreutem Material gebildet ist; indessen wird sie doch vielleicht zur Berichtigung mancher falschen Ansichten dienen, welche das Verständniß oder das Interesse der nachfolgenden Erzählung beeinträchtigen würden.
Wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren mit wirklichem Nutzen studiren wollen, müssen wir uns stets sorgfältig vor dem Irrthume hüten, den die wohl bekannten Namen von Familien, Orten und Ämtern sehr leicht hervorrufen, und dürfen nie vergessen, daß das Land, von dem wir lesen, ganz verschieden war von dem, in welchem wir leben. Wie jede Erfahrungswissenschaft die Tendenz zur Vervollkommnung in sich trägt, so liegt auch in jedem menschlichen Wesen der Wunsch, seine Lage zu verbessern. Diese beiden Prinzipien waren oft hinreichend zum raschen Fortschreiten der Civilisation, selbst wenn derselben große öffentliche Calamitäten und schlechte Einrichtungen hindernd im Wege standen. Kein gewöhnliches Unglück, keine, gewöhnlichen Regierungsfehler können in gleichem Maße das Sinken einer Nation herbeiführen, wie die unterbrochenen Fortschritte der Naturwissenschaften und das stete Streben jedes Einzelnen nach Verbesserung seiner Lage das Emporblühen einer Nation befördern. Man hat viele Beispiele davon, daß verschwenderischer Aufwand, hohe Abgaben, verkehrte Handelsbeschränkungen, verderbte Gerichtshöfe, unglückliche Kriege, Aufstände, Verfolgungen, Feuersbrünste und Überschwemmungen nicht im Stande waren, das Kapital so rasch zu vernichten, wie die Thatkraft einzelner Bürger es zu schaffen vermochte. Es ist nicht schwer zu beweisen, daß in unserem Lande der Nationalreichthum seit mindestens sechs Jahrhunderten in fast ununterbrochenem Wachsen begriffen ist; daß er unter den Tudors größer war als unter den Plantagenets; daß er unter den Stuarts größer war als unter den Tudors; daß er trotz Kriegen, Belagerungen und Confiscationen zur Zeit der Restauration größer war als beim Zusammentritte des Langen Parlaments; daß er trotz schlechter Verwaltung und Verschwendung, trotz öffentlichen Bankerotts, trotz zweier kostspieligen und unglücklichen Kriege, trotz verheerender Seuchen und Feuersbrünste beim Tode Karls II. größer war als bei seiner Wiedererhebung auf den Thron. Dieser Fortschritt erhielt, nachdem er bereits mehrere Jahrhunderte gedauert, um die Mitte des achtzehnten einen ungeheuren Aufschwung und hat seine Schnelligkeit während des neunzehnten verdoppelt. Wir haben es theils unserer geographischen, theils unserer sittlichen Lage zu danken, daß wir mehrere Menschenalter hindurch von Übeln verschont geblieben sind, welche anderwärts die Anstrengungen des Gewerbfleißes hemmten und die Früchte desselben zerstörten. Während der ganze Continent, von Moskau bis Lissabon, der Schauplatz blutiger und verheerender Kriege war, sah man bei uns kein feindliches Banner, außer als Trophäe. Während rund um uns her Revolutionen stattgefunden haben, ist unsere Regierung niemals gewaltsam gestürzt worden. Seit hundert Jahren hat unsere Insel keinen Tumult gesehen, der so bedeutend gewesen wäre, daß man ihn einen Aufstand hätte nennen können. Nie ist bei uns das Gesetz, weder durch die Volkswuth, noch durch königliche Tyrannei mit Füßen getreten worden. Der öffentliche Credit ist heilig gehalten worden und die Rechtspflege stets rein gewesen. Selbst in Zeiten, welche der Engländer mit gutem Grunde schlimme Zeiten nennen kann, haben wir noch immer die bürgerliche und religiöse Freiheit in einem Maße genossen, das fast jede andere Nation der Welt als ein reichliches betrachtet haben würde. Jedermann hatte die vertrauensvolle Überzeugung, daß der Staat ihn im Besitze dessen was er sich durch Betriebsamkeit erworben und durch weise Sparsamkeit gesammelt, schützen werde. Unter dem wohlthätigen Einflusse des Friedens und der Freiheit blühten die Wissenschaften und wurden in einem vorher nicht gekannten Umfange zu praktischen Zwecken angewendet.
Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685. [Die] Folge davon ist, daß in unserem Lande eine Veränderung stattgefunden, von der die Geschichte der alten Welt kein ähnliches Beispiel aufzuweisen hat. Könnte das England von 1685 durch einen Zauberprozeß vor unsere Augen gebracht werden, so würden wir nicht eine Gegend unter Hunderten, nicht ein Haus unter Tausenden erkennen. Der Gutsbesitzer würde seine eigenen Felder, der Städter seine eigene Straße nicht wieder erkennen. Alles hat sich verändert bis auf die großen Hauptzüge der Natur und einige wenige dauerhafte Werke der menschlichen Kunst. Den Snowdon und Windermere, die Cheddar-Klippen und Beachy-Head würden wir wohl finden, auch hier und da einen normännischen Dom oder ein altes Schloß erkennen, das die Kriege der Rosen mit angesehen; aber mit wenigen solchen Ausnahmen würde uns Alles fremd sein. Viele Tausend Quadratmeilen, welche gegenwärtig reiche Getreidefelder und Wiesen sind, durchschnitten von grünen Hecken und Zäunen und besäet mit freundlichen Dörfern und reizenden Landsitzen, würden sich unseren Blicken als mit Ginsterbüschen bedeckte Moore oder den wilden Enten überlassene Sümpfe darstellen. Wo wir jetzt große Fabrikstädte und Seehäfen erblicken, deren Name und Ruf bis an die äußersten Enden der Welt reicht, würden wir nur einzelne hölzerne Hütten mit Strohdächern finden. Selbst die Hauptstadt würde zu einem Umfange zusammenschrumpfen, welche den ihrer heutigen Vorstadt am südlichen Themseufer nicht übersteigen dürfte. Nicht minder auffallend würden uns Tracht und Sitten des Volks, Geräthschaften und Equipagen, so wie die innere Einrichtung der Läden und Wohnungen erscheinen. Eine solche Veränderung in dem Zustande einer Nation hat gewiß mindestens eben so gegründeten Anspruch auf die Beachtung des Geschichtsschreibers, wie ein Wechsel der Dynastie oder des Ministeriums.
Bevölkerung Englands im Jahre 1685. [Für] den Forscher, der sich einen richtigen Begriff von dem Zustande eines Staates zu einer gegebenen Zeit bilden will, muß es eine der ersten Aufgaben sein zu untersuchen, wieviel Bewohner derselbe damals hatte. Leider kann man die Volkszahl Englands im Jahre 1685 nicht mit vollkommener Genauigkeit bestimmen, denn zu jener Zeit hatte noch kein großer Staat die weise Einrichtung einer periodischen Volkszählung angenommen. Man überließ das der Schätzung jedes Einzelnen und da solche Schätzungen gewöhnlich ohne gründliche Untersuchung und unter dem Einflusse von Leidenschaften und Vorurtheilen angestellt wurden, so war das Ergebniß derselben oft widersinnig und lächerlich. Selbst verständige Londoner gaben die Bevölkerung der Hauptstadt zu mehreren Millionen Seelen an. Viele behaupteten allen Ernstes, die Einwohnerzahl habe sich während der fünfunddreißig Jahre zwischen der Thronbesteigung Karls I. und der Restauration um zwei Millionen vermehrt.[1] Selbst unmittelbar nach den Verheerungen, welche Pest und Feuer angerichtet, pflegte man zu sagen, daß London noch immer anderthalbe Million Einwohner zähle.[2] Dagegen verfielen einige Andere, denen solche Übertreibungen zuwider waren, in das entgegengesetzte Extrem. So behauptete Isaak Vossius, ein Mann von unbestreitbaren Talenten und Kenntnissen, daß in England, Schottland und Irland zusammengenommen nicht mehr als zwei Millionen Menschen lebten.[3]
Es fehlt uns indessen nicht an den nöthigen Quellen, um die lächerlichen Irrthümer, zu denen Einige durch Nationaleitelkeit und Andere durch eine krankhafte Sucht nach Paradoxen verleitet wurden, zu berichtigen. Es existiren drei verschiedene Berechnungen, welche vorzugsweise Beachtung verdienen, da sie völlig unabhängig von einander, nach ganz verschiedenen Prinzipien angestellt wurden, und doch in ihren Resultaten nur wenig von einander abweichen.
Eine dieser Berechnungen wurde im Jahre 1696 von Gregor King, Lancaster Herold, einem Statistiker von großem Scharfblick und treffendem Urtheile, vorgenommen. Die Grundlage seiner Schätzungen bildete die Häuserzahl, wie sie im Jahre 1690 von den Beamten, welche die letzte Heerdsteuer erhoben, angegeben ward. Er gelangte dadurch zu dem Resultate, daß sich die Bevölkerung Englands auf nahe an fünf und eine halbe Million Seelen belief.[4]
Um die nämliche Zeit wünschte König Wilhelm III. die Mitgliederzahl der verschiedenen religiösen Secten zu erfahren, in welche die Gesammtbevölkerung zerfiel. Zu dem Ende wurden genaue Forschungen angeordnet und ihm aus allen Kirchspielen des Reichs Berichte vorgelegt, aus denen sich ergab, daß die Zahl der englischen Unterthanen ungefähr fünf Millionen und zweimalhunderttausend betragen mußte.[5]
Endlich hat in unseren Tagen Mr. Finlaison, ein Beamter von großer Einsicht und Geschäftstüchtigkeit, die alten Gemeinderegister den Prüfungen unterworfen, zu denen ihn die Fortschritte der Neuzeit in der Statistik in den Stand setzten, und seine Ansicht geht dahin, daß zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Bevölkerung Englands etwas unter fünf Millionen und zweimalhunderttausend Seelen betrug.[6]
Von diesen drei Schätzungen, welche ganz unabhängig von einander durch verschiedene Personen und nach verschiedenen Materialien aufgestellt wurden, übersteigt die höchste, die von King, die niedrigste, die von Finlaison, noch nicht um ein Zwölftel. Wir können daher zuversichtlich behaupten, daß unter der Regierung Jakobs II. England zwischen fünf und sechsthalb Millionen Einwohner zählte. Nimmt man die höchste Schätzung an, so hatte es damals weniger als ein Drittel der gegenwärtigen Bewohnerzahl und nicht ganz dreimal so viel als jetzt seine riesige Hauptstadt allein enthält.