[31.] Barillon, 18.(26.) Febr. 1685.
Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt. [Zu] gleicher Zeit wurde bestimmt, daß eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob’s zu versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persönlichkeit, welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber, seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer späteren Periode die ganze gebildete Welt erfüllte.
Seine Geschichte. [Bald] nach der Restauration, in den fröhlichen, sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton’s so lebhaft geschildert worden ist, fühlte sich Jakob, jung und feurig im Genuß, von Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin. Das Fräulein war nicht schön, aber Jakob’s Geschmack auch nicht wählerisch, und so wurde sie seine erklärte Maitresse. Sie war die Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch Herausgabe einer längst verschollenen, schwerfälligen und gezierten Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren dringender Art, ihre Loyalität glühend, und ihre einzige Empfindung bei Arabella’s Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein, daß ein so einfaches Mädchen so hoher Auszeichnung würdig befunden wurde.
Ihr Einfluß war von nicht geringem Nutzen für ihre Anverwandten, keiner von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glück wie ihr ältester Bruder, Johann, ein schöner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde zu Fuß bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besaß eine stattliche Gestalt, ein hübsches Antlitz und ein äußerst einnehmendes Betragen, jedoch mit solcher Würde gepaart, daß es dem naseweisesten Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und dabei wußte er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten Fällen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte Erziehung genossen, daß er die gewöhnlichsten Worte seiner Muttersprache nicht richtig zu schreiben wußte, aber sein durchdringender, kräftiger Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Büchergelehrsamkeit. Er war nicht gesprächig, aber bei der Nothwendigkeit öffentlich zu reden, wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den geübtesten Rhetoriken bewundert. Während vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.
Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stieß er mit seinem Regimente zu den französischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine fröhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten aus, seine militairische Tüchtigkeit gewann ihm die Achtung der älteren Offiziere. Turenne, der damals das höchste militairische Ansehen genoß, dankte ihm einst öffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele Beweise von Achtung und Vertrauen.
Unglücklicherweise waren die glänzenden Eigenschaften Churchhill’s mit Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei der Jugend besonders widerwärtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern ließ er den Vortheil nicht aus den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er ein Gegenstand der heftigen aber vergänglichen Liebe der Herzogin von Cleveland. Als er einst vom König bei ihr angetroffen wurde, war er genöthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fünftausend Pfund. Mit diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von fünfhundert Pfund jährlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.[32] In seinen geheimen Schubfächern befanden sich bereits Haufen von Goldstücken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfürst und der reichste Unterthan in Europa war, noch unberührt lagen.[33]
Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York zugeordnet, ging mit seinem Gönner nach den Niederlanden und Edinburg und erhielt für seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl über das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere sich befand.[34] Seine Gemahlin war im Hofstaate der jüngeren Tochter Jakob’s, der Prinzessin von Dänemark, angestellt.
Lord Churchhill ging nun als außerordentlicher Gesandter nach Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen Regierung für das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel größere Geldsumme zu ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgniß gehegt, solch unzarte Gier könnte dem Wohlthäter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich so glänzend gezeigt, unangenehm berühren, deshalb bekam Churchhill Befehl, blos den Dank für das Geschehene auszudrücken und über die Zukunft zu schweigen.[35]
Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu vermeiden suchten, wußten sie doch sehr verständlich anzudeuten, welche Wünsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaßen an dem französischen Gesandten einen gewandten, thätigen, wohl auch nicht uneigennützigen Unterhändler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhöhen, in einigen Wochen aber erhielt Barillon von Versailles fernere fünfzehnhunderttausend Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefähr einhundertzwölftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen. Er sollte der englischen Regierung dreißigtausend Pfund zur Bestechung von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhändigen, und den Rest für irgend einen außerordentlichen Fall, wie eine Auflösung des Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.[36]
Die Nichtswürdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber ihre wahre Natur scheint oft Mißdeutungen unterlegen zu haben, denn obgleich die auswärtige Politik der letzten zwei Könige der Stuart’schen Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon’s zur Kenntniß des Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein läßt, ihre innere Politik zu beschönigen. Es besteht aber kein Zweifel, daß zwischen ihrer inneren und auswärtigen Politik ein nothwendiger und nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Hätten sie nur einige Monate lang die Ehre des Landes nach Außen vertreten, so mußten sie sich entschließen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer Änderung zu unterwerfen. Sie zu rühmen, weil sie sich sträubten, in Übereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig’s Folge leisteten, ist ein Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom Parlamente abhängig zu sein.