Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden. [Die] Zunahme der Bevölkerung ist zwar in allen Theilen des Landes stark gewesen, im Durchschnitt aber in den nördlichen Provinzen viel bedeutender als in den südlichen. Ein großer Theil des Landes jenseit des Trent befand sich in der That bis zum achtzehnten Jahrhunderte in einem Zustande von Rohheit. Physische und moralische Ursachen verbanden sich, um die Ausbreitung der Civilisation in diesen Gegenden zu hemmen. Das Klima war rauh, der Boden im Allgemeinen von solcher Beschaffenheit, daß er einer geschickten und mühsamen Pflege bedurfte, und in einer Gegend, welche häufig der Schauplatz von Kriegen war und selbst in nominellen Friedenszeiten beständig durch schottische Räuberbanden beunruhigt wurde, konnte man wohl kaum viel Gewerbfleiß und Betriebsamkeit erwarten. Vor der Vereinigung der beiden britischen Kronen und noch lange nachher war ein eben so großer Unterschied zwischen Middlesex und Northumberland als heutzutage zwischen Massachusetts und den Austeilungen jener Squatters im fernen Westen des Mississippi, welche mit Büchse und Dolch eine rohe Justiz ausüben. Noch unter der Regierung Karl’s II. waren die Spuren, welche jahrhundertelange Metzeleien und Plünderungen zurückgelassen, viele Meilen südlich vom Tweed, an dem Aussehen des Landes und an dem gesetzlosen Treiben des Volks deutlich zu erkennen. Um diese Zeit gab es dort noch eine Menge Straßenräuber, welche davon lebten, daß sie die Wohnungen plünderten und ganze Viehherden forttrieben. Bald nach der Restauration hielt man es für nöthig, sehr strenge Gesetze zu erlassen, um diesem Unwesen zu steuern. Die Behörden von Northumberland und Cumberland wurden ermächtigt, zur Vertheidigung des Eigenthums und der Ordnung bewaffnete Mannschaften zu errichten, und zur Deckung der Kosten, welche die Aushebung und der Unterhalt dieser Truppen verursachten, wurden örtliche Abgaben auferlegt.[7] Die Gemeinden wurden angewiesen, Bluthunde zu halten, um damit auf die Freibeuter Jagd zu machen. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten sich viele alte Leute noch sehr gut der Zeit erinnern, wo diese fürchterlichen Hunde in Gebrauch waren.[8] Doch selbst mit diesen Hülfsmitteln war es oft unmöglich, die Räuber bis in ihre Schlupfwinkel im Gebirge und in den Sümpfen zu verfolgen, denn die topographische Kenntniß jener Gegenden war damals noch sehr unvollkommen. Selbst nach dem Regierungsantritte Georg’s III. war zum Beispiel der Weg von Borrowdale nach Ravenglas über das Gebirge noch ein Geheimniß, das von den Thalbewohnern, von denen einige in ihrer Jugend wahrscheinlich auf diesem Wege den Verfolgungen der Justiz entronnen waren, sorgfältig bewahrt wurde.[9] Die Landsitze des Adels und die größeren Pachthöfe waren befestigt; die Rinder wurden des Nachts unter den Wetterdächern des Hauses angebunden, was man „Peel“ nannte; die Bewohner schliefen nur mit den Waffen zur Seite; man hielt beständig große Steine und kochendes Wasser in Bereitschaft, um den Räuber, der es etwa wagte, die kleine Besatzung anzugreifen, zu zerschmettern und zu verbrühen. Kein Reisender wagte sich in diese Gegend, ohne vorher sein Testament zu machen. Die Richter, welche auf ihrer Rundreise begriffen waren, ritten bewaffnet und von einer starken Bedeckung unter dem Commando der Sheriffs begleitet, mit der ganzen Schaar der Anwälte, Schreiber und Diener von Newcastle nach Carlisle. Man mußte sich mit Lebensmitteln versehen, denn diese Gegend war eine Wildniß, in der nichts zu bekommen war. Der Platz unter einer riesigen Eiche, wo die Cavalcade Halt zu machen pflegte, um das Mittagsmahl einzunehmen, ist heutigen Tages noch nicht vergessen. Die ungewöhnliche Strenge, mit der die Strafrechtspflege dort gehandhabt wurde, machte einen erschütternden Eindruck auf solche Beobachter, welche bis dahin in ruhigeren Distrikten gelebt hatten. Wer bei einem Einbruche oder einem Viehdiebstahle ergriffen wurde, den verurtheilten die von Haß und dem Gefühle der gemeinsamen Gefahr erfüllten Geschwornen mit der summarischen Schnelligkeit eines Kriegsgerichts bei einer Meuterei, und die Verurtheilten wurden zu Zwanzigen an den Galgen geschickt.[10] Noch zu einer Zeit, deren sich manche Leute der jetzigen Generation erinnern können, fand der Waidmann, den die Verfolgung des Wildes zu den Quellen des Tyne führte, die Haiden in der Umgegend von Keeldar Castle von Menschen bewohnt, die kaum weniger wild waren, als die Indianer von Kalifornien, und hörten mit Erstaunen halb nackte Weiber einen wilden Gesang anstimmen, während die Männer mit geschwungenen Dolchen einen Kriegstanz aufführten.[11]

Langsam und mit großer Mühe wurde endlich die Ruhe in dem Grenzgebiete hergestellt, und mit derselben fanden sich auch Gewerbfleiß und alle Künste des Lebens ein. Mittlerweile machte man die Entdeckung, daß die Gegenden nördlich vom Trent in ihren Kohlenlagern eine reichere Quelle des Wohlstandes besaßen, als die Goldgruben von Peru, und man überzeugte sich bald, daß in der Nähe dieser Lager fast jede Fabrik mit großem Vortheil betrieben werden konnte. In Folge dessen begann eine anhaltende Auswanderung nach dem Norden. Aus den Bevölkerungslisten von 1841 ergab es sich, daß die ehemalige erzbischöfliche Provinz York zwei Siebentel der gesammten Einwohnerzahl Englands enthielt, während man zur Zeit der Revolution annahm, daß nur ein Siebentel der Gesammtbevölkerung auf diese Provinz komme.[12] In Lancashire hat sich die Einwohnerzahl um das Neunfache vermehrt, während sich dieselbe in Norfolk, Suffolk und Northamptonshire kaum verdoppelt hat.[13]

[7.] Statutes 14 Car. II. c. 22; 18 & 19 Car. II. c. 3; 29 & 30 Car. II. c. 2.

[8.] Nicholson and Bourne, Discourse on the ancient State of the Border, 1777.

[9.] Gray’s Journal of a Tour in the Lakes, Oct. 3. 1769.

[10.] North’s life of Guildford. Hutchinson’s History of Cumberland, parish of Brampton.

[11.] Siehe Sir Walter Scotts Tagebuch vom 7. Oct. 1827 in seiner Biographie von Lockhart.

[12.] Dalrymple Appendix to Part II. Book I. Die Heerdgeldlisten ergeben so ziemlich dasselbe Resultat. Die Heerde in der Provinz York betrugen nicht den sechsten Theil der sämmtlichen Heerde Englands.

[13.] Ich mache hier natürlich keinen Anspruch auf strenge Genauigkeit; allein ich glaube, daß wer sich die Mühe nehmen will, die letzten Heerdgeldlisten aus der Regierungszeit Wilhelms III. mit dem Ergebnisse der Volkszählung von 1841 zu vergleichen, zu einem Resultate gelangen wird, das von dem meinigen nicht erheblich abweicht.

Staatseinkünfte im Jahre 1685. [Von] dem Ertrage der Steuern können wir mit größerer Sicherheit und Genauigkeit sprechen als von der Bevölkerung. Die öffentlichen Einnahmen Englands waren klein im Verhältniß zu den Hilfsquellen, die es schon damals besaß, oder im Vergleich mit den Summen, welche von den Regierungen der Nachbarländer erhoben wurden. Sie hatten sich zwar seit der Restauration fast beständig vermehrt, betrugen aber doch wenig mehr als drei Viertel von denen der Vereinigten Provinzen und kaum ein Fünftel von denen Frankreichs.