Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe leisten zu können.

Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden, eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei. Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu, die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.

Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte. Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.

So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben, womit sie diesen entschieden imponiren.

Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der Südsee zu gehen, zuzustimmen.

Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren, dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der Südsee.


2.
Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der Südseeinseln.

Nachdem ich ein Jahr in der Südsee zugebracht und den größten Theil der südlich des Aequators gelegenen Inselgruppen gesehen hatte, konnte ich dasjenige zusammenstellen, was ich aus eigener Beobachtung oder aus competentem Munde über die Bevölkerungen der verschiedenen Inselgruppen erfahren habe und was ich meinen ersten Südsee-Briefen nicht einfügen konnte, weil mir damals diese Erfahrungen eben noch fehlten. Zweifellos würde aber manches in diesen verständlicher gewesen sein, wenn ich schon dem Besuch der Marquesas-Inseln dasjenige hätte vorausschicken können, was ich hier in gedrängter Form niederlegen will. Daß ich dies überhaupt thue, ist einzig den nachstehend angegebenen Gründen zuzuschreiben.

Auf der Heimreise wurden mir beim Anlaufen der verschiedenen Häfen so wunderliche Fragen über die in der Südsee vermuthete Menschenfresserei vorgelegt; es werden nach den verschiedentlich ausgesprochenen Urtheilen die dortigen Menschenstämme auf einer so niedrigen Stufe stehend angenommen, sie sollen in Bezug auf Rohheit und Wildheit dem Raubthier so nahe stehen, daß ich mich fragen mußte, welchen Ursachen eine solche Verkennung einer großen Völkerfamilie zuzuschreiben sei. Allerdings mußte ich mir nach einigem Nachdenken sagen, daß ich früher die Südsee-Insulaner ebenso beurtheilt hatte, weil eben alle Welt sie so beurtheilt; deswegen aber halte ich es gerade für meine Pflicht, mein Theil dazu beizutragen dieses Urtheil berichtigen zu helfen, damit wenigstens diejenigen Leser, welche meinen Reiseberichten gefolgt sind, nochmals besonders darauf hingewiesen werden und jener Inselbevölkerung Gerechtigkeit widerfahren lassen können.