Nach kurzer Ruhe wurde ich heute Nacht 1 Uhr wieder geweckt mit der Meldung, daß das Leuchtfeuer von Tahiti in Sicht gekommen sei. Der Thurm dieses Feuers ist auf derjenigen Landspitze erbaut, wo der berühmte englische Seefahrer und Entdecker Cook im Jahre 1769 den Durchgang der Venus beobachtet und danach diese Landspitze „Point Venus“ benannt hat.

Das Auftauchen eines Leuchtfeuers über den Horizont gibt die schnellste und eine absolut sichere Ortsbestimmung für ein Schiff, spielt daher bei der Navigirung eine große Rolle und erfordert stets die Anwesenheit des Commandanten auf dem Deck, damit er sich persönlich von der Richtigkeit aller Umstände überzeugen, den Ort des Schiffes in der Karte festlegen und danach den neuen Curs bestimmen kann. Hier in diesem Theil der Südsee, wo es mit Ausnahme dieses einen Punktes keine Leuchtthürme gibt, lernt man so recht erkennen, welcher Unterschied zwischen der Seefahrt an den Küsten civilisirter Staaten und den Küstenstrichen wilder Völkerschaften besteht.

Auf der See liegen vornehmlich alle Gefahren in der Nacht und im Nebel verborgen, weil die meisten Collisionen, Strandungen, Kenterungen u. s. w. dem Umstande zuzuschreiben sind, daß die Gefahr nicht früh genug erkannt, daher nicht mehr vermieden werden konnte. Deswegen muß man sich bei Nacht von solcher Küste, welche keine Leuchtfeuer zeigt, fernhalten; muß um einsame Klippen, welche man bei Tage auf Steinwurfweite passiren könnte, meilenweite Umwege machen. Ist die Küste aber mit Leuchtfeuern versehen, trägt der einsame Fels einen Leuchtthurm oder ist auf der gefährlichen Sandbank ein Leuchtschiff verankert, dann werden diese Punkte, welche vordem der Schrecken der Seefahrer waren, auch bei Nacht aufgesucht, werden zu sichern, gern gesehenen Führern, weil, wie ich nachher zeigen will, das Feuer bei Nacht den Ort des Schiffes leichter bestimmen läßt, als es bei Tage an dem Thurm, dem Träger des Feuers möglich ist.

Auf hoher See allerdings ist es auch den civilisirten Staaten versagt, der Schiffahrt derartige Erleichterungen und Sicherheitsmaßregeln zu schaffen. Da heißt es in seligem Gottvertrauen drauf los fahren; trifft das Schiff bei hohem Seegang oder schneller Fahrt auf eine noch unbekannte Klippe, auf das treibende Wrack eines verunglückten Schiffes, oder wird es unvorbereitet von einer schweren Bö erfaßt, dann wird es in den erstern Fällen in der Regel, in dem letztern Falle häufig mit Mann und Maus verloren sein. Das sind eben die Chancen des Seelebens, welche man mitnehmen muß, weil es unmöglich ist, während der Nacht still zu liegen, denn sonst würde man mehr als die doppelte Zeit für die Reisen gebrauchen, würde, ganz abgesehen von der verlorenen kostbaren Zeit, so große Quantitäten an Proviant und Wasser mitnehmen müssen, daß die Schiffe der Jetztzeit sie nicht zu fassen vermöchten.

Um die Ortsbestimmung durch ein Leuchtfeuer leichter verständlich zu machen, muß ich auf die bekannte Thatsache zurückgreifen, daß infolge der Kugelgestalt der Erde die Sehweite eines Gegenstandes von seiner Höhe über dem Meeresniveau abhängt, und daß es bei zwei sich nähernden Gegenständen einen Punkt gibt, wo sie sich in dem Horizont zuerst treffen und sich gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Daher werden die in der obenstehenden Figur mit a und b bezeichneten Gegenstände in den gegenseitigen Gesichtskreis kommen, wenn sie z. B. mit ihrer obersten Spitze die Linie A—B berühren, und in diesem Falle wird der Treffpunkt in C liegen. Es ist hierbei natürlich gleichgültig, ob beide Gegenstände in Bewegung sind oder nur einer, da, wenn a einen bei x errichteten Leuchtthurm vorstellen soll, seine Sehweite bis C reicht, seine oberste Spitze oder sein Feuer also von dem Schiffe b gesehen werden kann, sobald dieses bei y angekommen ist.

Zur Bestimmung der Sehweite eines Gegenstandes gibt es eine einfache Formel, welche für die praktische Seefahrt ein hinreichend genaues Resultat liefert. Es wird die in Fuß bekannte Höhe des Gegenstandes (diese Formel ist nur anzuwenden, wenn die Höhe bekannt ist und dies ist bei allen Leuchtfeuern natürlich der Fall) mit 4 multiplicirt, das Product durch 3 dividirt und aus dem Quotienten die Quadratwurzel gezogen; das Endresultat ergibt die Sehweite in Seemeilen. Beträgt also z. B. die Höhe eines Leuchtfeuers über der Meeresoberfläche 108 Fuß, dann wird es von einem im Wasserniveau befindlichen Beobachter auf Wurzel aus 4/3 x 108 also 12 Seemeilen gesehen werden; steht aber der Beobachter auf einem Schiffe 19 Fuß über dem Meere, dann wird seine eigene Sehweite Wurzel aus 4/3 x 19 oder 5 Seemeilen betragen, er wird also in dem Moment, wo sein Auge bei C das über den Horizont hervorbrechende Licht sieht, 12 + 5 oder 17 Seemeilen von dem Standort des Leuchtthurmes entfernt sein. Peilt der Beobachter nun gleichzeitig das Feuer mit dem Kompaß, d. h. stellt er beim Insichtkommen die Himmelsrichtung, in welcher es zum Schiffe steht, genau fest, dann ist er in der Lage, mit Hülfe eines Zirkels und eines Lineals in wenig Augenblicken auf der Karte den Punkt zu bestimmen, wo das Schiff sich befindet. Man sollte nun meinen, daß ein solches Verfahren ebenso gut bei Tage möglich wäre, dies ist aber nicht der Fall. Es kann als Regel angenommen werden, daß die Luft nie so klar ist, um das Hervorbrechen der Spitze eines Thurmes über den Horizont genau feststellen zu können, vielmehr wird ein im Lande stehender Thurm auch mit Hülfe eines guten Fernrohres erst gesichtet werden, wenn er ganz oder doch zum größern Theil über dem Horizont steht, während in einer mäßig klaren Nacht das Feuer sich so scharf markirt, daß man es im Augenblick des Auftauchens sogar durch ein Einziehen des Kopfes zwischen die Schultern wieder unter den Horizont verschwinden lassen kann.

Nachdem der Stand des Schiffes bestimmt war, wurde beigedreht, d. h. das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde gelegt, daß es sich nur unbedeutend von seinem Platze fortbewegte, weil es wegen der nur noch geringen Entfernung bis Papeete nutzlos war, vor Tagesanbruch den Curs fortzusetzen. Ich konnte mir daher noch zwei Stunden Schlaf gönnen, stand um 4 Uhr wieder auf der Commandobrücke und ließ nun dem Schiffe volle Segel geben, um mit Tagesanbruch dicht unter der Küste zu sein.

Kurz nach 6 Uhr — die Tropen kennen ja keine Dämmerung — bricht der volle Tag in seiner ganzen Glorie aus der Nacht hervor, die Sonne steigt als rothglühender Ball aus den Fluten und wirft ihr noch mattes tiefrosiges Licht auf das ziemlich plötzlich und schnell aus der Dunkelheit hervortretende, hoch zum Himmel strebende Tahiti. Ein aus dünnem Nebel gewobenes Nachtgewand umhüllt das Land und schmiegt sich weich wie ein Schleier seinen Formen an, ist durchsichtig, wo es auf den Bergrücken glatt aufliegt, verdichtet sich zu fester Hülle, wo in den Thälern Falte auf Falte geschichtet liegt. Eigenthümlich! Das Land scheint beim Erwachen des Tages sich zu beleben. Schlaftrunken und leblos wird es in seinen höhern Regionen von den ersten Strahlen der für uns noch unter dem Horizont stehenden Sonne getroffen, während das Unterland noch in tiefem Schatten liegt. Schnell überläuft das Licht mit dem Höhersteigen der Sonne das Land von dem obersten Berggipfel herunter bis zum Strande; die Insel bewegt und reckt sich, ermannt sich und blickt fest auf den Füßen stehend dem jungen Tage mit klarem Blick entgegen, sobald die warmen Strahlen des mächtigen Tagesgestirns den untersten Saum des Landes erreicht haben. Aus dem duftigen Nachtgewand, welches unter den Sonnenstrahlen langsam verdunstet, tritt der schöne unverhüllte Leib hervor, um sich im frischen Morgenthau zu baden, läßt sich von den Licht- und Wärmestrahlen tosend umarmen, um von ihnen Nahrung für sein animalisches und vegetabilisches Leben zu empfangen. Frei von jeder Hülle steht das aus einem blau und weißen Rahmen heraustretende hohe Bergland dicht vor uns in dem Meere. Die Brandung auf dem Korallenriff, welches die Insel umrahmt, gleicht einem blendend weißen Schaumkranz, hinter welchem bis zum Strande ein Gürtel spiegelglatten azurblauen Wassers liegt. Am Lande steigen dünne Rauchsäulen auf, einzelne Kanus stoßen vom Strande ab, um auf den Fischfang zu gehen, Vögel ziehen lautlos über die Wasserfläche hin, und lautlos wie ein Riesenvogel segelt die „Ariadne“ mit aufgeblähten Segeln dicht an der Riffbrandung entlang. Der aus blauem Krystall und Schneeschaum gewundene Gürtel, die duftigen Palmen am Strande, das rothe, braune, graue und schwarze Gestein der felsigen Bergrücken, die saftigen Thäler und die üppigen Wälder auf den fruchtbaren Bergabhängen, die langen tiefen Schluchten und die mächtigen Bergkegel: dies alles scharf heraustretend aus dem durchsichtig blauen Hintergrunde, von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt und durch die erwachende Natur belebt, gibt ein wahrhaft ergreifendes Bild von der Größe der Schöpfung. Unbewußt zieht tiefe Andacht in das Herz des Menschen ein, seine Seele will sich von dieser Erde lösen und einen Flug beginnen, der ihr versagt bleiben muß. Ein Blick nach der offenen See — und die tiefe Andacht, welche den Menschen erfaßt hatte und durch die mit ihr verbundene Unachtsamkeit dem Schiffe unter Umständen hätte Gefahr bringen können, ist dahin, der Mensch denkt nur wieder allein an seine Pflicht, läßt zwar ab und zu noch mit Wohlgefallen seine Blicke über das köstliche Bild schweifen, ist aber doch gegen nochmalige Verzauberung gefeit. Und was brachte diesen plötzlichen Umschwung? Ein erbitterter Kampf um das Dasein zwischen Fischen und Vögeln, ein Kampf, wie er sich dem aufmerksamen Beobachter in dem Thierreich zu jeder Zeit und an jedem Ort bietet, wenn auch nur selten in so häßlicher Form wie in diesem Falle. Ein lautes Gekreisch und Geplätscher lenkt unsere Blicke nach der offenen See hin, dort, nicht weit von uns, ist ein kleiner Fleck im Wasser im vollsten Aufruhr. Armlange Fische springen scharenweise aus dem hochaufspritzenden Wasser, um einem größern Raubfisch zeitweise zu entgehen, doch über ihnen, dicht über dem Wasser, flattern Scharen von kleinen weißen krächzenden Seevögeln, welche heißhungerig sich auf die aus dem Wasser springenden Fische stürzen und diesen mit ihren kleinen scharfen Schnäbeln große Stücke Fleisch aus dem lebenden Körper reißen. Vernichtung unter der Wasseroberfläche, Verstümmelung über derselben: das ist das Los der so oft als die glücklichsten Thiere gepriesenen Fische, welche erst dann wieder Ruhe finden, wenn der Feind aus dem eigenen Geschlecht gesättigt ist und ihnen gestattet, in tieferm Wasser Schutz gegen die unbarmherzigen Bewohner der Lüfte zu suchen.

Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie, allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß; der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.