Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten, als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht, denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus, dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt, keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti) mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller, als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung. Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt, und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte, wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle, und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind, in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand. Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen? „Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte. Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus, legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten, fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle, theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten, selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden, als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch (Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das Pferd.
Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen, auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett selbst.
Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack, was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm, weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie bald unsern Augen entschwunden sind.
Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer- und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist. Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst unangenehm.
Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind, während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere eigenen Füße zu verlassen.