Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.

Auf dem zwischen dem Ufer des Hafens und dem Königshaus liegenden großen freien Platz lagerten so große Menschenmassen, Männer, Frauen und Kinder, daß die gesammte Bevölkerung der Insel hier zusammengeströmt zu sein schien, wie es auch thatsächlich der Fall war. Ein von Frau G. an die Königin geschriebener Brief, in welchem die Dame unsern Besuch zum nächsten Vormittag anmeldete, wurde gleich an Land geschickt; die umgebend erfolgende Antwort lautete, daß wir zu der von mir in Vorschlag gebrachten Stunde, 9 Uhr vormittags, erwartet werden würden.

Da ich es nicht für angezeigt hielt, vor diesem Besuch schon eine Verbindung mit dem Lande herzustellen, benutzte ich den heutigen Nachmittag zu einer Bootsfahrt. Wir umsegelten innerhalb des Korallenriffs einen großen Theil der Insel und bekamen landschaftlich viel Schönes zu sehen. Die von uns befahrene Wasserfläche wird nach der See hin begrenzt durch das Korallenriff, nach der andern Seite durch die Insel, welche ähnlich wie Tahiti nur an der Küste einen mehr oder minder breiten Gürtel fruchtbaren Landes hat und deren Kern als 700 m hoher nackter Fels in diesem grünen Rahmen steht. Die Ansiedelungen der Eingeborenen, welche in der Regel unter schattigen Bäumen am Fuße des Berges liegen und freien Ausblick über das vor ihnen liegende bebaute Land und über das ruhige Wasser innerhalb des Riffs hinweg auf die offene See und die Insel Raiatea haben, machen einen außerordentlich behaglichen, friedlichen Eindruck, welcher durch die Abwesenheit alles menschlichen Lebens, denn alle Hütten sind zur Zeit verlassen, allerdings etwas abgeschwächt wird.

Königshaus in Huheine.

An einer besonders einladenden Stelle, wo an einer kleinen Einbuchtung dicht am Strande, unter hohen schattigen Bäumen, ein besseres Haus mit gepflegtem Garten stand, legten wir an einer kleinen Brücke an, um den dort wohnenden und meinen Gästen näher bekannten Häuptling zu besuchen. Doch auch dieses Haus war verlassen. Wir erfrischten uns an einigen Apfelsinen und Bananen, setzten dann unsere Fahrt fort und dehnten dieselbe bis zu einer bis unter den Meeresspiegel reichenden Einsenkung aus, welche Huheine eigentlich zu zwei Inseln macht, obgleich die auf diese Weise gebildete Wasserrinne nur sehr schmal ist und eine so geringe Tiefe hat, daß sie nur bei Hochwasser befahren werden kann. Vor Sonnenuntergang waren wir wieder an Bord und bereuten nicht, den schönen, genußreichen und erfrischenden Ausflug gemacht zu haben.

Am Morgen des 3. Juni hatte ich der Königin durch unsere Musik ein Ständchen bringen lassen, und um 9 Uhr vormittags fand in ihrem Hause die verabredete Zusammenkunft statt. Unser Weg dahin führte uns durch das ganze Volk von Huheine, welches hier versammelt uns mit theils drohenden, theils besorgten Mienen musterte.

Bei der Königin befanden sich ihr ältester Sohn, dessen Frau und die den Staatsrath bildenden vornehmsten Häuptlinge. Die Königin, eine ältere Frau, trug ein Waschkleid nach tahitischem Schnitt und einen breitberandeten italienischen Strohhut mit flatterndem grünseidenen Band; ihre Schwiegertochter war ebenso gekleidet, doch ohne Hut; der Sohn und Thronfolger sowie die Häuptlinge waren in Hosen und Hemden. Die Damen hatten Schuhe an, die Herren waren barfuß.

Unser Empfang war ein sehr kühler, alle Gesichter drückten ernste Sorge aus. Der von uns mitgebrachte Dolmetscher, Sohn eines englischen Missionars, übersetzte meine Ansprache, in welcher ich sagte, daß ich gekommen sei, um der Königin meinen Besuch zu machen, und daß das Schiff die Aufgabe habe, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den Deutschen und der Regierung des Landes bisher bestanden hätten, nicht nur fernerhin zu unterhalten, sondern auch noch fester zu knüpfen, aber auch die Interessen der erstern wahrzunehmen, wenn dies nothwendig sein sollte.

Der Sprecher der Königin dankte darauf für den ihr gewordenen Besuch und für die Vertrauen erweckenden Worte, betonte dann aber, daß das Volk von Huheine voller Sorge sei, weil sie von Papeete die bestimmte Nachricht erhalten hätten, daß wir diese Inselgruppe mit Gewalt zu nehmen beabsichtigten. Meine Antwort konnte nur dahin lauten, daß Deutschland vorab nicht an die Erwerbung von Colonien dächte, aber auch nicht wünschen könne, die noch unabhängigen Inseln sich in Colonien anderer europäischer Staaten umwandeln zu sehen, und daher nur als Beschützer solcher Inselgruppen betrachtet werden könne, wie ihnen das Beispiel Tongas zeige, mit welchem das Deutsche Reich einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen habe, wodurch das kleine Inselland vor fremder Willkür gesichert sei. Solange daher die deutschen Unterthanen auf den unabhängigen Inseln unter dem Schutz der Landesgesetze sicher leben und Handel treiben könnten, müßten die deutschen Kriegsschiffe immer als die Freunde des Landes angesehen werden, denn ihre Aufgabe sei nur, deutsches Leben und Eigenthum zu schützen.