Bäumend und sich wälzend, bis zu 30° nach jeder Seite schlingernd, vorn, links und rechts Wasser schöpfend, schnitt das Schiff, nachdem alle entbehrlichen Leute zur Sicherung gegen die etwa fallenden Masten unter Deck geschickt worden waren, durch das brandende Meer neben dem kleinen Schooner her, welcher unter seinen vollen Segeln mit uns die gleiche Geschwindigkeit hielt und entweder hoch oben auf einem Wellenkamm thronend über uns stand, oder im Wellenthal soweit verschwand, daß nur die obersten Spitzen seiner 20 m hohen Masten für uns sichtbar waren. Nach Verlauf von 15 Minuten, welche mir eine Ewigkeit dünkten, liefen wir mit einem Bogen hinter das Riff in ruhiges Wasser und in eine andere Welt. Das Schiff lag plötzlich ruhig — ich athmete tief auf, stoppte die Maschine und gab den Befehl zum Ankern.
Gleich nach unserer Ankunft wurde, ebenso wie es in Huheine geschehen war, an die Königin ein Brief mit der Anmeldung unsers Besuchs für den nächsten Morgen geschickt. Die unserm Boten mitgegebene Antwort lautete, daß wir willkommen seien, von Geschäften aber nicht gesprochen werden dürfe, weil wegen vieler auf der Insel stattgefundener Todesfälle der nächste Tag als allgemeiner Buß- und Bettag festgesetzt worden sei. Da ich nun keinen ganzen Tag verlieren wollte, so übernahm es Frau G. noch an diesem Abend den Räthen der sieben Jahre alten Königin über den Zweck unsers Hierseins Aufschluß zu geben, damit etwaige Unklarheiten unter der Hand beseitigt werden könnten. Wir fuhren daher an Land und die Dame ging in das Königshaus, während Herr G. und ich einen kleinen Spaziergang machten. Als wir von diesem zurückkehrten, kam Frau G. uns schon entgegen, an der Hand die kleine Königin, welche uns in ergötzlicher Weise auf ihrer Insel begrüßte und mir sagen ließ, daß ihre Räthe zu den Deutschen volles Vertrauen hätten. Die kleine braune Herrscherin, ein hübsches freundliches Kind, trug ein kurzes Kattunkleidchen, hatte hohe weiße Strümpfe an und ging in ihren unförmlichen hohen Schnürstiefeln aus schwarzem Lackleder wie auf Stelzen. Als ich auf ihre Frage, wie es mir auf der Insel gefiele, antwortete, daß ich alles sehr schön fände, mein Diener aber klage, für Geld und gute Worte keine Eier bekommen zu können, meinte sie, daß sie da bald Abhülfe schaffen wolle. Sie lief nun so schnell als die unbequemen Stiefel es erlaubten in ihr Haus zurück, kam bald mit einem Körbchen in der Hand barfuß wieder herausgesprungen, ging in die zunächstgelegenen Hütten, brachte mir dann das inzwischen mit Eiern gefüllte Körbchen und sagte, als ich den Leuten das Geld für die Eier schicken wollte, stolz: „Die Königin kauft von ihren Unterthanen nichts, sondern nimmt denselben das für sie Nothwendige weg.“
Am nächsten Morgen war feierlicher Empfang. Bei unserm Landen fanden wir so große Menschenmengen vor dem Königshause, daß wir wol die Bevölkerung der ganzen Insel hier versammelt annehmen durften. Die für mich bestimmten Geschenke waren auch schon zusammengetragen und lagen geordnet vor dem Hause zu beiden Seiten der Verandatreppe, auf welcher wir von einem braunen Herrn empfangen und in das Empfangszimmer geführt wurden. Hier befand sich bereits die Königin im Kreise der den Staatsrath bildenden Häuptlinge, von welchen einer, ihr Onkel, die Regentschaft führt. Eingeborene Damen waren nicht anwesend. Die vor uns befindliche Gesellschaft machte im Vergleich zu Huheine einen sehr civilisirten Eindruck, denn die Herren waren sämmtlich in guten schwarzen Anzügen und hatten Lackstiefel an den Füßen. Ueber dem zugeknöpften Frack trugen sie eine rothseidene Schärpe um den Leib geschlungen und in der linken Hand einen in Blech- bezw. Lederscheide steckenden Säbel oder Degen, Waffen, welche ihrer alterthümlichen Form nach jedenfalls aus dem vorigen Jahrhundert stammten und den verschiedensten Völkern angehört hatten. Daß die Säbel in der Hand getragen wurden, mag seinen Grund darin haben, daß die zum Anhängen nothwendigen Säbelkoppeln fehlen. Die Königin, welche ein rothseidenes Kleidchen anhatte und deren Kopf mit einem aus künstlichen Strohblumen gefertigten Diadem geschmückt war, kam uns entgegen, bot uns die Hand und lud dann zum Sitzen ein. Das alles machte sie so nett und natürlich, daß ich von der Fertigkeit dieser kleinen Person ganz überrascht war. Frau G. setzte sich auf das vorhandene Sofa und nahm die Königin von Bora-Bora auf ihren Schos, während wir Herren uns der im Kreise aufgestellten Stühle bedienten.
Nachdem einige Höflichkeitsphrasen ausgetauscht waren, wobei Frau G. die Dienste des fehlenden Dolmetschers versah, mußten wir auf die Veranda treten und mit dem Volke Hände schütteln, was in der Weise geschah, daß die Eingeborenen (Männer, Frauen und Kinder) truppweise und in guter Ordnung mit gebeugtem Oberkörper auf die Veranda kamen, uns die Hand gaben und dann ebenso wieder zurücktraten. Ein junger Mann fiel mir dabei dadurch auf, daß er zu diesem Zweck dreimal die Veranda betrat; die den Leuten gewordene Ehre muß also wol sehr groß gewesen sein. Auch dieses Händeschütteln, welches ungefähr eine Stunde währte, nahm sein Ende; die vielen, wieder für meine ganze Besatzung ausreichenden Geschenke, wurden mir übergeben, und dann kehrten wir zum Schiffe zurück.
Otea-Vanua auf Bora-Bora (Gesellschafts-Inseln).
Am 6. Juni vormittags wurden die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt, deren Ergebniß darin bestand, daß die Machthaber von Bora-Bora den deutschen Unterthanen jeden Schutz und volle Handelsfreiheit zusicherten und ich dagegen anerkannte, daß die Deutschen sich den zur Zeit bestehenden Landesgesetzen, von welchen ich vorher Einsicht genommen hatte, unterzuordnen hätten.
Für den Nachmittag wurde auch hier die Bevölkerung auf die „Ariadne“ eingeladen und das Fest nahm denselben Verlauf wie in Huheine. Die kleine Königin schwelgte namentlich in Wonne, nachdem sie sich auf meine Aufforderung hin mit Genehmigung ihres Oheims ihrer Stiefel und Strümpfe entledigt hatte, welche dieser Herr ihr in meiner Kajüte auszog.
Hier kann ich nicht umhin, der wunderbaren Thatsache zu gedenken, daß dieses kleine Mädchen sich nur unter der Obhut von Männern befindet und keine eigentliche weibliche Pflegerin hat, wenn sich in ihrem Hause vielleicht auch einige Dienerinnen befinden mögen, und wie sich dem Beobachter hier bei diesem Kinde, wenn es nicht schon bei dem Besuch der andern Inseln geschehen sein sollte, der Gedanke aufdrängen muß, daß diese Insulaner das Vorbild für ihre Staatsform bei den Ameisen und Bienen gefunden haben. Daß sie die weibliche Erbfolge an der Krone für die natürlichere und richtigere halten, ist ja allbekannt; ebenso sind es die Gründe hierfür, nämlich, daß das Kind immer Blut von der Mutter haben muß, der Gatte der Mutter dem Kinde aber sehr fern stehen kann, ja bei der Ungebundenheit der herrschenden Sitten die Mutter vielleicht selbst nicht einmal im Stande ist, den Vater zu bezeichnen. Weniger bekannt dürfte es aber sein, eine wie hohe, fast göttliche Verehrung alle Polynesier dem edlen Blut ihrer alten Häuptlingsfamilien zollen und wie sie trotz aller Unterwürfigkeit unter jede Laune ihrer Machthaber ängstlich darüber wachen, daß kein ihrer Ansicht nach unedles Blut zur Herrschaft über sie gelangt, daß sie aber dem edlen Blut jede Ausschreitung und jedes Laster verzeihen. Sieht man nun, wie diese kleine Königin in ihrem Hause nur von Männern umgeben lebt, von diesen sonst nichts thuenden und von dem Besitz des Volkes sich nährenden Häuptlingen oder Drohnen bedient, gepflegt und mit ängstlicher Sorgfalt großgezogen wird, und sieht man ferner, wie das Kind sich andererseits wieder in seinem kleinen Reich frei und ungebunden bewegen kann, von jedermann als das schätzbarste Gut des ganzen Staatswesens betrachtet und behandelt wird, und von jedem seiner Unterthanen ohne Murren das erhält, was es für sich verlangt, dann kann sich meines Erachtens bei dem Beobachter der obige Gedanke nur befestigen.
Um 4 Uhr nachmittags verließen die Eingeborenen das Schiff wieder, nachdem die Häuptlinge auch hier mit Geschenken bedacht worden waren. Die kleine Königin schenkte mir beim Abschied ihr Strohblumendiadem als Andenken.