König und Prinz von Raiatea.

Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden, wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte, theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb, daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.

Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben, da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam, sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.

Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen. Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen. Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu schützen.

Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu entrichten hatte.

Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu hören.

Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen (namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A] Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt. Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller, als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa 1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte, waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben, sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.

Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden führt.

Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen bessernd und veredelnd wirken können.