Die ehelichen Verhältnisse sind ziemlich geordnete und die Regel ist, daß die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, obgleich ihre Wiederauflösung den Samoanern sehr leicht gemacht ist. Hiervon machen aber eigentlich nur die Häuptlinge öftern Gebrauch und wol auch nur in dem Falle, wenn sie ein Mädchen von niederm Stande geheirathet haben und später eine standesgemäßere Ehe eingehen wollen. Die Eheschließung selbst soll zwar nach dem neuen Gesetz vor einem Regierungsbeamten gegen Erlegung einer Taxe erfolgen, die Samoaner aber betrachten die Ehe nach ihrem alten Brauch auch als rechtsgültig und halten nur darauf, daß bei der Verheirathung ihrer Töchter mit Weißen jene Form beobachtet wird, wie denn diese Civilehe wol auch nur durch die Europäer eingeführt worden ist, weil es ihnen nicht gelingen wollte, hier, ebenso wie auf andern Südsee-Inseln, intimere Beziehungen mit den Töchtern des Landes anzuknüpfen, und die Samoaner bald erkannten, daß die nur nach samoanischem Brauch vollzogene Trauung mit einem Weißen von den andern Europäern nicht als vollgültig angesehen wurde. Die klugen Weißen wußten sich aber auch hier zu helfen und sich das Recht, ihre Frauen und Kinder beim Verlassen der Inseln zurückzulassen, dadurch zu sichern, daß sie gegen Erlegung der doppelten Taxe die Einführung der Ehe auf bestimmte Zeit, z. B. auf zwei Jahre, durchsetzten, welcher Unfug zur Zeit noch besteht. Daß die Mutter nachher die Kinder behält und für ihren Unterhalt sorgt, betrachtet die Samoanerin als so selbstverständlich, daß dies auch kein Hinderniß für diese Art der Eheschließung abgab.

Nach dem neuen Gesetz ist, abweichend von dem Samoabrauch, dem Mann nur eine Frau erlaubt, doch halten die Häuptlinge dasselbe für sich nicht bindend, wenngleich sie sich in der Regel mit nur einer begnügen, von welcher Regel allerdings, wenn ich recht unterrichtet bin, der jetzige Standesbeamte von Upolu eine Ausnahme macht. Derselbe hat sich mehrere Frauen angetraut, aber zur Erhaltung des häuslichen Friedens die Vorsicht geübt, daß er sie an verschiedenen Orten wohnen läßt, wodurch er wiederum den Vortheil hat, bei seinen Reisen überall eine eigene Häuslichkeit vorzufinden.

Jungfräuliche Reinheit seitens der Braut ist für den Abschluß eines Ehebündnisses keine Nothwendigkeit; daß aber der Samoaner auf diese Tugend dennoch großen Werth legt, geht daraus hervor, daß der Beweis der Reinheit bei einer jungfräulichen Braut, namentlich bei der Heirath eines Häuptlings, früher stets öffentlich erbracht wurde, was jetzt nur noch im engern Familienkreise, vereinzelt aber, wenn auch abweichend von dem alten Brauch, heute noch öffentlich geschieht, denn ich habe in den Straßen von Apia das Lava-lava einer jungfräulichen Braut am Morgen nach der Hochzeit vor dem Hause als solch einen öffentlichen Beweis hängen sehen.

Daß die vorgeschilderten, verhältnißmäßig guten moralischen Zustände dem Wirken der englischen Missionare zuzuschreiben sind, glaube ich nicht, aber es darf wol als sicher anzunehmen sein, daß sich seit der Ansiedelung der Missionare die sittlichen Zustände auf den Samoa-Inseln nicht verschlechtert haben, mithin der neue Glaube auf die wohlgefügten alten socialen Verhältnisse nicht zersetzend gewirkt hat. Die geistlichen Herren, welche sich hier nicht in den Vordergrund drängen und keine politische Rolle, wie z. B. auf den Gesellschafts-Inseln, spielen wollen, scheinen mit weiser Mäßigung vorgegangen zu sein und dadurch, wenn auch nur langsam, Aussicht auf dauernden Erfolg zu haben. Immerhin darf nicht vergessen werden, daß die Missionare in Samoa durchaus geordnete Verhältnisse vorfanden, welche ihnen einen schnellen Erfolg unmöglich machten und sie andererseits davor bewahrten, den ihnen eigentlich zufallenden Wirkungskreis zu überschreiten. Daß die sittlichen Zustände sich auch in Apia trotz der vielen dort verkehrenden Europäer im Gegensatz zu den Städten anderer polynesischen Inseln noch so gut erhalten haben, wird vorzugsweise als ein Verdienst der in Apia tonangebenden deutschen Häuser anzusehen sein, welche schon ihrer ganzen Stellung nach gezwungen waren, die guten Formen hochzuhalten und dadurch maßgebend für das Auftreten der übrigen Europäer wurden.

Zur Zeit nennen sich wol die meisten Samoaner Christen, wenn auch ihr Glaube sich vorläufig noch auf die Sonntagsheiligung und die Beobachtung einiger äußerer Gebräuche beschränken dürfte.

Der Besitz des Samoaners besteht vornehmlich nur in seinem Hause, dem Kanu, der Feuerwaffe und in Land, welches immer der ganzen Familie und nicht einzelnen Mitgliedern gehört. Hieraus sind früher bei den Landverkäufen häufig Streitigkeiten entstanden, weil der kaufende Europäer, mit diesen Verhältnissen unbekannt, den Kauf mit nur einem Mitglied der Familie abschloß und diesem den Kaufpreis zahlte, worauf die andern Theilhaber dann die Rechtsgültigkeit des Vertrags bestritten, doch wird jetzt schon seit langer Zeit kein Landkauf mehr abgeschlossen, ohne daß die Samoaner vollzählig den Kaufbrief unterschrieben haben. Neben den vorstehend genannten Besitzthümern gibt es aber noch ein Werthobject, welches nur einen idealen Werth hat und oft höher geschätzt wird wie all die andern. Es ist die als Staatskleid benutzte Matte, welche aus einem besonders feinem Geflecht bestehend und am Rande mit kleinen rothen Federn verziert, ihren Werth durch ihr Alter und ihre frühern Besitzer erhält, wodurch die wirklich alten und von berühmten Familien herstammenden in gewissem Sinne die Ueberlieferinnen der alten samoanischen Geschichte geworden sind, da diese überhaupt nur in mündlicher Ueberlieferung besteht, weil die Kunst des Schreibens den Samoanern erst in allerneuester Zeit bekannt geworden ist. Von diesen besonders werthvollen Matten, deren Ursprung und Geschichte jeder Samoaner kennt, sind allerdings nur wenige vorhanden, diese aber verehrt er wie Heiligthümer und es gibt für ihn keinen größern Wunsch, als eine solche Matte besitzen zu können. Als einstmals das Haus Godeffroy ein werthvolles Stück Land erwerben wollte und der Besitzer auf kein Gebot einging, wurde ihm solch eine Matte auch vorgelegt, von welcher er wie jeder Samoaner wußte, daß sie im Besitz des Herrn Weber war. Sofort griff der Mann zu und war überrascht, außer der Matte auch noch den ihm vorher angebotenen Kaufpreis zu erhalten, denn die Matte allein erschien ihm als überreiche Bezahlung. Das Land wird übrigens in nicht zu ferner Zeit zum größten Theil in den Händen der Weißen sein, da der Samoaner, seinem polynesischen Charakterzug folgend, durchaus nicht arbeiten will und sein Land für ihn daher werthlos ist, sofern es nicht schon mit Kokosnuß- und Brotfruchtbäumen bestanden ist oder er es als Bauplatz benutzen kann.

Neben dem Haus und dem Kanu bestehen die künstlichen Erzeugnisse der Samoaner aus Kleidungsstücken der verschiedensten Art, aus Matten zum Belegen der Fußböden, Tapavorhängen, Kawabowlen, Fischereigeräthen, Fliegenwedel, Fächern, geschnitzten und mit allerlei Zierath versehenen Holzkämmen, kleinen Körbchen und Taschen und schließlich aus alten Holzwaffen, welche aber nur noch als Schaustücke Verwendung finden. Es kommen auch noch einzelne Schmuckgegenstände vor, doch habe ich von diesen noch nichts gesehen, kann also auch noch nicht darüber berichten.

Die Kleidungsstücke, welche immer als Lava-lava zu denken sind, unterscheiden sich voneinander nur durch das zur Verwendung kommende Material. Das tägliche Lava-lava, wenn es nicht aus europäischem Stoff besteht, ist entweder aus Baststreifen bezw. langen Gräsern gefertigt, oder es wird durch ein Stück Tapa gebildet. Als Staatskleider dienen die bereits genannten feinen Matten, für welche die Blätter des Pandanusbaumes das Material liefern, oder Gewebe aus blendend weißem Bast mit Zotteln von 10-20 cm Länge, sodaß das ganze Stück bei oberflächlicher Betrachtung häufig für ein Fell der Angoraziege gehalten wird. Dann kommt noch ein ganz eigenartig gewebtes oder geflochtenes kleines Lava-lava aus demselben weißen Bast vor, welches nur im Hause von der Braut an ihrem Hochzeitstage getragen wird und das sie ihrem Manne am nächsten Morgen, indem sie sich auf eine Knie niederläßt, mit den Worten: „Herr, hier hast du mein Geschenk“, überreicht. Dieses Lava-lava hat somit wol eine ähnliche Bedeutung wie bei uns Gürtel und Schleier der Braut es haben?

Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von verschiedener Größe.

Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe, welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe hergestellt werden.