11.
Von Apia nach den Marshall-Inseln.
(Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)

Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei Dolmetscher.

Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben. Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen Ursprünglichkeit studiren zu können — wenn Wind und Wetter uns gestatten, das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen, dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das ganze Programm durchzuführen“.

Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht. Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs. Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone zu sein.

Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen. Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer Baum (Ficus indica oder religiosa, von den Engländern auch Banyan genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden, welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.

Ficus indica oder religiosa.

Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m, sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.

Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr. Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.