Miß Wilson sah sich um. Die sechste Klasse bestand aus vier lernbegierigen jungen Damen, deren Lebensziel für den Augenblick eine Aufnahmeprüfung an einer Universität, oder wie man auf der Schule sagte, das Cambridgezeugnis war. Keine von ihnen antwortete.

„Dann die fünfte Klasse,“ sagte Miß Wilson.

Jane, Gertrude und vier andere erhoben sich und stellten sich neben Agatha.

„Gut,“ sagte Miß Wilson. „Machen Sie nicht so lange mit dem Anziehen.“

Sie eilten schnell hinaus und stürmten mit Geräusch die Treppen hinauf. Agatha, die für das Cambridgezeugnis gar kein Interesse hatte, strebte voll Ehrgeiz danach, stets am schnellsten die Treppen hinauf- oder hinunterzueilen.

Sie kamen bald zum Spaziergang gekleidet zurück und verließen zwei und zwei in einer Prozession das Institut. Jane und Agatha gingen voran, Gertrude und Miß Wilson kamen zuletzt. Die Landstraße nach Lyvern führte über Weideland, das früher urbar gewesen war, aber jetzt dem Vieh überlassen wurde, weil dieses dem Eigentümer mehr Geld einbrachte als die Pächter, denen er es weggenommen hatte. Miß Wilsons junge Damen hatten auch Unterricht in der Volkswirtschaft. Sie wußten, daß jeder Gegenstand zu dem Zweck benutzt wurde, der am notwendigsten war, und wenn hier der ganze Ertrag nur dem Eigentümer zufiel, so war das ganz natürlich, weil er der vornehmste Gentleman in der Gegend war. Zwar hatte dieser Zustand auch seine unangenehme Seite. Es gab da eine Menge Rinder, so daß sie Angst hatten, die Felder zu überschreiten, es gab eine Menge Vagabonden, so daß sie sich fürchteten, über die Landstraße zu gehen, und es waren viel zu wenig Gentlemen da, die Verständnis für den Zauber weiblicher Reize hatten.

Der Himmel war bewölkt. Agatha, die nichts auf schmutzige Schuhe gab, watete durch die Haufen gefallener Blätter mit dem Entzücken eines Kindes, das im Wasser herumpatscht. Gertrude setzte ihre Füße sorgfältig hin, und die andern gingen leise plaudernd des Weges, höchstens, daß sie hier und da einmal in lauterem Tone eine wissenschaftliche oder philosophische Bemerkung machten, damit Miß Wilson sie hörte und auch eine Freude hatte. Außer einem Viehtreiber, der etwas von dem Wesen und Ausdruck der Rinder, die er leitete, angenommen zu haben schien, trafen sie keinen Menschen, bis sie sich dem Dorfe näherten. Hier aber tauchten hinter einer Anhöhe zwei Personen männlichen Geschlechts in der Gestalt zweier Geistlichen auf. Einer war groß und mager, hatte ein glatt rasiertes Gesicht, ein Buch unter dem Arm und einen lang herausgereckten Hals. Der andere war von mittlerer Größe, kräftigem Körper und grader Haltung. Er sah unternehmungslustig aus mit seinem schwarzen Backenbart, und auf seinem Gesicht lag ein energischer Protest gegen alle solche Ansichten, als ob ein Geistlicher nicht heiraten, jagen, Kricketspielen oder sonst an einem anständigen, weltlichen Sport teilnehmen dürfte. Der Geschorene war Mr. Josephs und sein Begleiter Mr. Fairholme. Agatha hatte eine böse biblische Veränderung dieser beiden Namen erfunden.

„Da kommen Pharao und Joseph,“ sagte sie zu Jane. „Joseph wird erröten, wenn du ihn ansiehst. Pharao errötet erst, wenn er an Gertrude vorbeikommt, obgleich wir das heute nicht sehen können.“

„Wahrhaftig, Josephs!“ sagte Jane verächtlich.

„Er liebt dich, Jane. Magere Männer wollen dicke Frauen haben. Pharao, der ein Bauer ist, liebt blaues Blut, weil Gegensätze sich anziehen. Deshalb fesselt ihn Gertrudes aristokratische Miene.“