(An jenem Mainachmittag des Jahres 1796 jedoch ist es noch früh in seinem Leben. Er ist erst sechsundzwanzig Jahre alt und erst kürzlich General geworden, teilweise mit Hilfe seiner Frau, die er dazu benutzt hat, das Direktorium (das damals Frankreich regierte) zu verführen, und teilweise durch den bereits erwähnten, infolge der Auswanderung entstandenen Mangel an Offizieren. Aber auch dank seiner Fähigkeit, ein Land mit all seinen Straßen, Flüssen, Hügeln und Tälern wie die Fläche seiner eigenen Hand zu kennen, und vor allem dank seinem neuen Glauben an die Wirkung der Kanonen auf Menschen. Seine Armee war, was die Disziplin betrifft, in einem Zustand, der moderne Historiker, vor denen das folgende Stück aufgeführt worden ist, so sehr entsetzt hat, daß sie, eingeschüchtert von dem späteren Ruhme des "Empereur", sich geweigert haben, an solche Vorkommnisse zu glauben. Aber Napoleon ist noch nicht "l'Empereur", es wurde ihm eben erst der Titel "le petit caporal" verliehen, und er ist im Begriff, durch renommistische Tapferkeit Einfluß auf seine Leute zu gewinnen. Er ist nicht in der Lage, seinen Willen nach orthodoxer militärischer Art mit Hilfe der neunschwänzigen Katze bei ihnen durchzusetzen. Die französische Revolution, die nur durch die monarchische Gewohnheit, den Soldaten den Lohn wenigstens vier Jahre lang schuldig zu bleiben, dem Schicksal, unterdrückt zu werden, entging, hat, wo es irgend anging, diesen Brauch durch die Gewohnheit ersetzt, überhaupt keinen zu zahlen. Statt dessen werden die Leute mit Versprechungen und patriotischen Schmeicheleien abgespeist, die mit dem Militärgeist preußischer Art unvereinbar gewesen wären. Napoleon hat sich daher als ein Befehlshaber von zerlumpten Leuten ohne Geld, die nicht aufgelegt sind, sich viel Disziplin gefallen zu lassen, namentlich nicht von emporgekommenen Generälen, den Alpen genähert. Dieser Umstand, der einen idealistischen Soldaten in Verlegenheit gebracht hätte, ersetzte Napoleon tausend Kanonen. Er sprach zu seinen Soldaten: "Ihr habt Patriotismus und Mut; aber ihr habt kein Geld, keine Kleidung und kaum etwas zu essen. In Italien gibt es all diese Dinge und Ruhm noch dazu für eine ergebene Armee, die von einem General geführt wird, der Plünderung als das natürliche Recht des Soldaten betrachtet. Ich bin ein solcher General. En avant, mes enfants!"—Das Resultat hat ihm vollkommen recht gegeben. Seine Soldaten eroberten Italien, wie die Wanderheuschrecken Cypern erobert haben. Sie kämpften den ganzen Tag und marschierten die ganze Nacht, legten unmögliche Entfernungen zurück, tauchten an unmöglichen Orten auf,—aber nicht etwa, weil jeder Soldat wußte, daß er den Marschallstab in seinem Tornister trage, sondern weil jeder hoffte, am nächsten Tage wenigstens ein halbes Dutzend silberner Gabeln fort zu tragen. Zugleich muß man sich darüber klar sein, daß die französische Armee nicht mit der italienischen Krieg führt. Sie ist nur da, um Italien von der Tyrannei seiner österreichischen Eroberer zu befreien und republikanische Einrichtungen herzustellen, so daß sie, wenn sie gelegentlich plündert, nur ein wenig frei mit dem Eigentum ihrer Freunde umgeht, wofür Italien sogar hätte dankbar sein sollen, wenn Undankbarkeit nicht die sprichwörtliche Schwäche der Italiener wäre. Die Österreicher, die sie bekämpfen, haben eine recht ansehnliche reguläre, gut disziplinierte Armee, von Herren kommandiert, die in der bisher geübten Kriegskunst erfahren sind, an ihrer Spitze Beaulieu, der die klassische Kriegskunst ausübt, nach Befehlen von Wien aus, und von Napoleon fürchterlich geschlagen wird, der auf eigene Faust handelt, ohne Rücksicht auf militärisches Herkommen und Befehle aus Paris. Selbst wenn die Österreicher eine Schlacht gewannen, brauchte man nur zu warten, bis sie nach ihrer Gewohnheit in ihre Hauptquartiere heimgekehrt waren, sozusagen zum Nachmittagstee, um sie dann zurückzugewinnen, ein Verfahren, das Napoleon später mit glänzendem Erfolge bei Marengo anzuwenden wußte. Mit einem Wort, Napoleon versteht es, ohne heroische Wunder zu vollbringen, einem Feinde gegenüber unwiderstehlich zu sein, der den Nachteil hat, von österreichischer Staatsmannschaft, klassischer Generalsweisheit und den Forderungen der aristokratischen Wiener Gesellschaft geleitet zu werden. Die Welt jedoch liebt Wunder und Helden und ist ganz unfähig, die Handlungsweise solcher Mächte, wie akademischer Militarismus und Wiener Boudoirunwesen sind, zu begreifen. Daher hat sie schon begonnen, das Wort "l'Empereur" zu prägen, und es dadurch hundert Jahre später den Romantikern erschwert, die folgende bis dahin unaufgezeichnete kleine Szene zu glauben, die sich in Tavazzano ereignet hat. Das beste Quartier in Tavazzano ist ein kleines Gasthaus, das erste, das der Wanderer antrifft, der auf dem Wege von Mailand noch Lodi den Ort berührt. Es steht in einem Weingarten, und sein größtes Zimmer, ein angenehmer Zufluchtsort vor der Sommerhitze, ist gegen diesen Weingarten nach rückwärts so weit geöffnet, daß es beinahe einer großen Veranda gleicht. Die mutigeren unter den Kindern, die durch Alarmsignale und die Ausfälle der letzten Tage und durch den Einmarsch französischer Truppen um sechs Uhr in großer Aufregung sind, wissen, daß der französische Kommandeur sich in dieses Zimmer einquartiert hat, und schwanken zwischen dem Verlangen, durch das Vorderfenster verstohlene Blicke hineinzuwerfen, und einer tödlichen Angst vor der Schildwache, einem jungen Soldaten aus vornehmer Familie, der keinen natürlichen Schnurrbart besitzt und sich deshalb einen sehr martialischen mit Stiefelwichse von seinem Feldwebel hat ins Gesicht hineinmalen lassen. Da seine schwere Uniform, wie alle Uniformen seiner Zeit, ohne die leiseste Rücksichtnahme auf seine Gesundheit oder seine Bequemlichkeit, lediglich für die Parade bestimmt ist, schwitzt er fürchterlich in der Sonne; sein gemalter Schnurrbart ist in kleinen Streifen sein Kinn und seinen Hals herabgelaufen, mit Ausnahme von jenen Stellen, wo er zu einer Kruste wie von japanischem Lack getrocknet ist, und wo seine schön geschweifte Linie durch groteske kleine Buchten und Landzungen unterbrochen wird. Alles dies macht ihn unsagbar lächerlich in den Augen der Geschichte hundert Jahre später, aber fürchterlich und schrecklich in den Augen der zeitgenössischen norditalienischen Kinder, denen es ganz natürlich erscheinen würde, wenn die Wache die Eintönigkeit des Postenstehens dadurch zu beleben versuchte, daß sie ein verlaufenes Kind auf ihr Bajonett spießte, um es ungekocht zu verspeisen. Trotzdem hat ein Mädchen von schlechtem Charakter, an dem schon der Sinn für ein gewisses Vorrecht, das sie bei den Soldaten hat, erwacht ist, sich für einen Augenblick verstohlen an das sicherste Fenster geschlichen, bis ein Blick und ein Klirren der Wache es davonjagt. Was die Kleine zumeist sieht, das hat sie schon früher gesehen: den Weingarten mit der alten Kelter dahinter und einen Karren bei den Weinstöcken; die Türe dicht zu ihrer Rechten, die nach dem Eingange des Gasthauses führt, wo des Wirtes bester Schenktisch weiter hinten an derselben Seite nun in voller Tätigkeit für das Mittagessen steht; auf der anderen Seite den Kamin mit einem Sofa in der Nähe und eine andere Tür, die zwischen Kamin und Weingarten in die inneren Räume führt; in der Mitte einen Tisch mit seiner Mahlzeit von Mailänder Risotto, Käse, Trauben, Brot, Oliven und einer großen, mit Weidenzweigen umflochtenen Flasche Rotwein. Der Wirt, Giuseppe Grandi, ist auch nichts Neues für sie; er ist ein dunkelfarbiger, lebhafter, gehörig heiterer, schwarzlockiger, kugelköpfiger, grinsender kleiner Mann von vierzig Jahren. Schon von Natur ein guter Wirt, ist er heute abend in extra guter Laune über sein Glück, den französischen Kommandeur als Gast unter seinem Dache zu haben, dessen Gegenwart ihn vor den Übergriffen der Soldaten schützt. Er trägt sogar ein Paar goldener Ohrringe zur Schau, die er sonst mit seinem kleinen Besitz an Silbergeschirr sorgfältig unter der Kelter versteckt haben würde.)
(Napoleon jedoch, der ihm gegenüber an der hinteren Seite des Tisches sitzt, und seinen Hut, seinen Degen und seine Reitpeitsche, die auf dem Sofa liegen, sieht das Mädchen zum erstenmal. Er arbeitet hart, teils an seiner Mahlzeit, die er in zehn Minuten zu verschlingen weiß, indem er alle Gerichte gleichzeitig in Angriff nimmt (diese Gewohnheit ist der erste Schritt zu seinem späteren Untergange), und teils an einer Landkarte, die er aus dem Gedächtnis verbessert, wobei er gelegentlich die Stellungen seiner Streitkräfte kennzeichnet, indem er eine Traubenschale aus dem Munde nimmt und sie mit seinem Daumen wie eine Oblate auf die Landkarte drückt. Er hat Schreibmaterial vor sich liegen, unordentlich mit den Gerichten und Flaschen vermengt, und sein langes Haar fällt bald in die Risottobrühe herab, bald in die Tinte.)
(Giuseppe.) Wollen Exzellenz….
(Napoleon blickt gespannt auf seine Karte, stopft sich aber mit der linken Hand mechanisch den Mund dabei voll): Schwatz' nicht, ich habe zu tun.
(Giuseppe in ungetrübt guter Laune:) Wie Sie befehlen, Exzellenz.
(Napoleon.) Bring mir rote Tinte!
(Giuseppe.) Leider habe ich keine, Exzellenz.
(Napoleon mit korsischem Humor:) Töte etwas und bring' mir das Blut.
(Giuseppe grinsend:) Es ist nichts im Hause, als das Pferd Eurer
Exzellenz, die Schildwache, die Dame im ersten Stock und meine Frau.
(Napoleon.) Töte deine Frau.