Als ein Mann von Simonswald wegen Zauberei verbrannt werden sollte, sprach er. »So gewiß bin ich unschuldig, als bei meinem Haus ein Ahornbaum wachsen wird.« Gleich nach der Hinrichtung kam auch bei dem Haus ein Ahorn hervor, und seitdem ist dort immer ein solcher Baum; denn wenn man den einen umhaut, wächst unverzüglich ein anderer nach. Von dem Baum hat der Hofbesitzer den Namen Ahornbauer erhalten.
58.
Der Blindensee will ausbrechen.
Vor langer Zeit drohte dieser Bergsee bei dem Triberger Wasserfall auszubrechen, und das dortige Thal zu überschwemmen. Da kam die Mutter Gottes und spannte vor die Öffnung ein Netz von Fäden, wodurch das Wasser, wie durch einen Damm, zurückgehalten ward. Jedes Jahr aber verfault einer der Fäden, und wenn endlich alle verwest sind, dann bricht der See heraus und überfluthet das ganze Thal. Dies geschieht am Bartholomäustag, an welchem in Triberg Jahrmarkt gehalten wird.
59.
Zum todten Hund.
In die Wohnstube eines Schwarzwälderhofs schlug der Blitz und fuhr durch einen Tisch, worauf ein kleines Kind schlief; dasselbe ließ er unversehrt, tödtete aber einen Hund, der, gerade unter dem Kind, auf dem Stubenboden lag. Von diesem Vorgang wird der Hof »zum todten Hund« genannt.
60.
Messen angelobt.
Als im Jahr 1796 die Neufranken verheerend gegen Ettenheimweiler zogen, gelobte die Pächterin eines benachbarten Hofes, fünfzig Messen lesen zu lassen, wenn ihr Haus von der Grausamkeit dieser Feinde verschont bliebe. Letzteres geschah, zur allgemeinen Verwunderung; die Frau unterließ jedoch, ihr Gelübde zu erfüllen, und ohne dasselbe Jemand offenbart zu haben, starb sie nach drei Jahren in Ettenheimweiler. Als ihre dort verheirathete Tochter, nach Verfluß von ebenso viel Jahren, Nachmittags auf dem Fuchsberg die Reben schnitt, erschien ihr plötzlich eine Frau mit grauem Gesicht und grauem Kleid und sprach: »Du mußt mich erlösen!« Vor Schrecken fiel jene in Ohnmacht; als sie daraus erwachte, war die graue Gestalt verschwunden. Dieselbe kam aber, einige Tage nachher, am Morgen zu ihr in die Küche und sagte, sie sey ihre Mutter, und um sie zu erlösen, solle die Tochter von Haus zu Haus so viel Geld zusammenbetteln, daß davon die fünfzig Messen gelesen und vierundzwanzig Kreuzer der Magd bezahlt werden konnten, der sie, bei ihren Lebzeiten, drei Batzen am Lohne abgezogen habe. Hierauf verschwand sie, die Tochter aber eilte zu ihrem Mann und erzählte ihm, was ihr begegnet. Um ihr das Betteln zu ersparen, wollte er selbst das Geld hergeben, was auch der Pfarrer, den sie darüber um Rath fragten, für genügend erklärte. Ehe jedoch der Mann das Geld beisammen hatte, erschien seiner Frau ihre Mutter wieder in der Küche und sprach drohend: »Willst Du Alles thun, was ich Dir geheißen habe, oder willst Du meinen Zorn fühlen!« Voll Angst versprach die Frau, zu gehorchen, machte sich auch alsbald auf den Weg und bettelte von Haus zu Haus bis gegen Freiburg hinauf. In vierzehn Tagen hatte sie das Geld beisammen; damit bezahlte sie die Magd und ließ in den benachbarten Klöstern die fünfzig Messen abhalten. In der Nacht nach Lesung der letzten Messe kam die Mutter, in glänzend weißer Gestalt, zu dem Mann und der Frau in die Schlafstube, sagte für ihre Erlösung Dank und legte, um diesen zu bezeugen, ihre rechte Hand auf eine Flegelruthe, die, nach ihrem Begehren, ihre Tochter ihr hinhielt. Da brannten sich ihre fünf Finger hinein, und sie verschwand. Die Flegelruthe wird noch jetzt in dem Hause aufbewahrt.