Zu Ottenheim hatte ein armes Mädchen mit einem vermöglichen Burschen, der Soldat war, Bekanntschaft und wurde in Folge davon schwanger. Dessenungeachtet bewarb er sich bald darauf um eine reiche Bauerstochter, und weil er befürchtete, daß jenes Mädchen ihm hinderlich sey, beschloß er, es aus dem Wege zu räumen. In dieser Absicht ging er Samstag Nachts mit einer Schaufel in den Wald, wo er in einem abgelegenen Schlag eine tiefe Grube machte. Am andern Nachmittag lud er das Mädchen zu einem Gange dahin ein, und als sie dort waren, sagte er ihr: sie solle Reue und Leid erwecken; denn sie müsse jetzt sterben. Flehentlich bat sie ihn, ihrer und seines Kindes zu schonen, sie wolle gern in die weite Welt hinaus, um ihn an der reichen Heirath nicht zu hindern; aber Alles war vergebens, und er gewährte ihr nur noch so viel Zeit, um drei Vaterunser zu beten. Als sie damit fertig war, sprach sie zu ihm: »Das sage ich Dir, wenn Du mich umbringst, wird mein Blut Dich verrathen!« Hierüber lachend, tödtete er sie mit mehreren Stichen und verscharrte sie in die Grube. Bald nachher begab er sich auf einige Jahre zu seiner Fahne, während welcher Zeit der Wald in Gemeindewiesen umgewandelt ward. Nachdem der Bursch im Heere ausgedient hatte, ließ er sich in Ottenheim nieder und heirathete die reiche Bauerstochter. Einst mußte er die Gemeindewiesen mähen helfen, wobei er gerade auf die Grube zu stehen kam. Beim ersten Hieb, welchen er in's Gras that, wurde die Sense voll Blut; erschrocken wischte er es ab und verließ gleich die Stelle. Zu Hause entdeckte er seiner Frau den Vorfall und die Ermordung des Mädchens. Einige Zeit nachher gerieth er mit ihr in Hader und brachte sie durch Stockschläge so in Harnisch, daß sie auf die Straße lief und laut die Mordthat verkündete. Er ward darauf festgenommen und, nachdem er Alles eingestanden, mit dem Schwerte hingerichtet. Die Gebeine des Mädchens fand man noch in der Grube und brachte sie auf den Gottesacker.
64.
Wunderbarer Hirsch.
Ein frommer Einsiedler des Bruderthals pflegte alle Morgen nach dem Kloster Schuttern oder, wenn Mönche von da sich in Heiligenzell aufhielten, nach diesem zur Kirche zu gehen. Abends trat er den Rückweg an, auf dem sich, wenn es dunkel war, am Anfang des Waldes ein Hirsch zu ihm gesellte, welcher ein Licht zwischen den Hörnern hatte und ihm bis zu seiner Klause leuchtete. Einmal war der Weg vom Regen so schlüpferig, daß der Waldbruder aus einem Weinberg einen Rebpfahl nahm, um sich im Gehen darauf zu stützen. Als er in den Wald kam, war kein Hirsch da, und er mußte im Finstern nach Hause tappen. Auch an den zwei folgenden Tagen ließ der Hirsch sich nicht sehen. Da erinnerte der Einsiedler sich des Rebpfahles, that ihn dahin, woher er ihn genommen, und hierauf fand der Hirsch sich wieder ein und leuchtete ihm wie zuvor.
65.
Das Kruzifix auf dem Kirchhofe zu Oberweier.
Vor etlichen Jahrhunderten verirrte sich Nachts ein Wanderer im wilden Walde. Geängstigt durch die vielen Schlangen und Kröten, welche darin hausten, that er das Gelübde: wenn er unbeschädigt hinaus in einen Ort käme, wolle er auf dessen Gottesacker ein Kruzifix stiften. Da ertönte in der Ferne eine Glocke; er ging dem Schalle zu und gelangte glücklich nach Oberweier, wo Nachts um zwei Uhr geläutet zu werden pflegte.
Ungesäumt ließ er nun ein steinernes Kruzifix verfertigen und es auf den dortigen Kirchhof setzen, welchem es noch gegenwärtig zur Zierde dient.
Am Fuße des Kreuzes sind der Name des Stifters (Jakob Erim) und allerlei Schlangen und Kröten eingehauen.
66.